Wolfszittern

Ich wurde als Wolfsrüde in ein wunderbares Rudel hoch oben in den Bergen des Schwarzwaldes geboren. Mein Vater, ein prächtiger starker Wolf war der geeignete Anführer unseres Stammes. Zusammen mit mir erblickten noch 2 Brüder und 4 Schwestern das Licht der Welt. Wir hatten viel Spaß in diesem so schönen Wald, den wir unser Revier nennen durften.

Die älteren Tiere lernten uns das Aufspüren und Jagen von Beute, das nötige Handwerkszeug für ein Überleben in der Wildnis.

In sternenklaren Nächten, wenn der Mond die Bergkuppen erhellte, sangen wir ein schauerliches Lied, welches weit über die Täler getragen wurde.

Ich hatte mich als männlicher Wolf schon zu lange in meinem Rudel aufgehalten. Meine Brüder waren schon vor Monaten losgezogen um ihr Glück in der Welt zu finden. Nur der eine war nach ein paar Wochen nochmal kurz aufgetaucht, um dann aber endgültig zu verschwinden.

Eigentlich war ich schon lange bereit meine Familie zu verlassen und es konnte sich nur noch um wenige Tage handeln, bevor ich den Aufbruch in meine ungewisse Wanderschaft beginnen würde. Unser Rudel war auch viel zu groß für das bescheidene Revier. Die Beute, die wir in diesem harten Winter machten, reichte kaum für alle aus.

Dann eines Tages, noch vor Sonnenaufgang, die anderen Tiere schliefen noch, brach ich auf. Nach einigen hundert Metern warf ich sehnsüchtig Blick zurück. Ich werde das mir liebgewonnene Wolfsrudel vermissen.

Dann trug der Wind einen fremden Geruch in meine Nase. Wölfe, aber keine, die ich kannte.
Ich sah sie auf der gegenüberliegenden Seite des Rudels. Es war ein kleiner, ebenfalls vom harten Winter gekennzeichneter Haufen. Vermutlich wollten Sie unser Revier übernehmen, um mehr Beute machen zu können.

Mein Vater, der das Rudel seit Jahren gut führte, muss dies auch bemerkt haben. Er ging sofort in die Verteidigung über, als einer der fremden Wölfe auf ihn zukam. Es war ein harter unerbittlicher Kampf, dem mein Vorfahre aufgrund seines hohen Alters nicht standhalten konnte.

Noch bevor der fremde Wolf die Herrschaft über mein Rudel an sich reißen konnte, war ich bereits zurückgeeilt, um über den Eindringling herzufallen. Ich war zu dieser Zeit bereits ein stattliches Tier. Den zwischenzeitlich geschwächten Eindringling konnte ich schnell überwältigen. Die Störenfriede zerstreuten sich in alle Himmelsrichtungen, nur ein junges Weibchen, ergab sich mir demütig. Sie sollte später meine Gefährtin werden. Für meinen Vater kam die Hilfe zu spät, er erlag am gleichen Tag seinen schweren Wunden.

Ich war zum Anführer unseres Rudels geworden. Es hatte einen Sinn gehabt, so lange Zeit bei meiner elterlichen Sippe zu bleiben.

Dies war schon einige Winter her, ich war zu einer guten und kräftigen Leitfigur unseres Familienverbandes geworden. Zusammen mit meiner Partnerin, hatten wir schon viele Nachkommen. Einige von Ihnen sind auf ihre ungewisse Wanderschaft gegangen.

Nach dem vorletzten Winter, als die ersten Knospen an den kahlen Bäumen erschienen, spürte ich ein seltsames Vibrieren in meiner rechten Vorderpfote. Dieses Zittern war besonders heftig, wenn meine Pfote nicht belastet war, immer dann wenn ich mich zur Ruhe begab. Bis zum späten Sommer war mein ganzes Bein davon betroffen.

Im folgenden Winter gesellten sich leichte Schmerzgefühle in den Muskeln hinzu, ich hatte das Gefühl einer zunehmenden Unbeweglichkeit. Es schien keinem im Rudel aufgefallen zu sein, denn wir waren während der Zeit der großen Kälte alle sehr träge. Wenn wir unser Revier durchstreiften, war ich nicht mehr ganz vorne, die Position, die dem Rudelführer zustand. Immer öfter lief ich am Ende der Reihe. Ich hatte das Gefühl, als würden meine Pfoten am Boden kleben. Jeder Schritt kostet mich Kraft, ich war langsam geworden.

Nachts lag ich stundenlang wach und hörte die Anderen schlafen. Tagsüber verspürte ich den Drang, mich hinlegen zu wollen. Auch täuschte mich meine Nase immer mehr, eine sich nahende Beute konnte ich nicht mehr wahrnehmen.

Einer meiner älteren Nachkommen, groß und kräftig, begann die Führung im Rudel zu übernehmen. Ich geriet zunehmend in den Hintergrund. Nur meine Partnerin wanderte immer, leicht abschlagen vom restlichen Rudel, an meiner Seite. Wir würden den Anschluss verlieren. Alleine konnten wir uns nicht ernähren, da wir ohne Revier nicht genug Beute für uns machen konnten.

Bald wird ein Zeitpunkt der Entscheidung kommen. Der neue Rudelführer würde mich verjagen, sich der Last für das Rudel entledigen.

Ein paar Tage später ergab sich die Gelegenheit zur Jagd. Ein heranwachsendes Reh, welches getrennt von seiner Mutter war, stand alleine im Wald. Das Rudel nahm die Verfolgung auf, wie es der Zufall wollte, wendete sich das Reh in meine Richtung. Sonst hätte ich dem Tier nicht mehr folgen können. Kurz vor der Beute, stolperte ich mitten im Lauf, meine rechte Vorderpfote blieb, trotz meiner mäßigen Geschwindigkeit, am Boden haften.

Das Beutetier war entkommen, ich hatte Glück mir keine ernsthafte Verletzung zuzuziehen. In sicherer Entfernung konnte man das junge Reh sehen, es stand da, als würde es mich auslachen. Was war nur aus mir geworden, dem einst so stolzen Leittier dieses Rudels. Meine Schwestern, die alle im Rudel geblieben sind, waren noch bei vollen Kräften und wertvolle Mitglieder der Gemeinschaft.

Nach dieser missglückten Jagd versammelte sich das hungrige Rudel um mich. Ich stand mit gebeugte Haltung, welche nicht meiner Reumütigkeit zuzuschreiben war, im Kreise meiner Verwandten. Der Leitwolf kam mit hoch erhobenem Kopf auf mich zu. Im Gegensatz zu ihm gab ich ein lächerliches Bild ab. So muss ich einmal ausgesehen haben, als ich vor Jahren unser Rudel vor den fremden Wölfen gerettet hatte.

Die Stunde der Wahrheit war nun gekommen, das Rudel würde mich verstoßen. Ich war zur Ballast für die Anderen geworden. Doch was, wenn ich mich weigerte, was wenn ich das Revier nicht verlassen würde? Der Leitwolf würde handeln müssen, er würde mich töten. Doch alleine wäre ich auch dem sicheren Tode geweiht.

Als er vor mir stand, legte ich mich auf den Rücken, zog meinen Kopf weit in den Nacken. Ich bot ihm meine Kehle dar, er könnte sie nun problemlos mit seinen scharfen Zähnen durchbeißen. Der mächtige Wolf öffnete sein Maul weit und umschloss meinen Hals. Ich spürte die spitzen Zähne auf meiner Haut, rechnete mit dem baldigen Ende meines Daseins als Schwarzwälder Wolf.

Ganz unvermittelt, zog er den Kopf zurück, anstelle meiner Kehle zu zerfetzen, leckte er mir diese fast liebevoll mit der Zunge. Der neue Rudelführer zeigte wahre Größe, er duldete mich weiter in seinem Rudel.

Solange es für das Rudel genügend Nahrung gab, musste ich mir nun keine Sorgen mehr machen.
So konnte ich noch Jahre mit meinen Artgenossen verbringen.

Heute, nachdem ein Jäger mich lahmen Wolf erwischt hat, stehe ich ausgestopft in einem Museum. Dort kann man mich als Vertreter, einer in dieser Region ausgerotteten Tierart bewundern.

Kotti