Wie trennt sich Spreu vom Weizen?

Freunde und Parkinson

oder

Wie trennt sich Spreu vom Weizen?

Freunde – Freundschaft !?
Sollte ein Freund eine Freundschaft überdenken, wenn der Freund oder die Freundin „KRANK“ geworden ist? Ist sie dadurch weniger wert? Oder ist es ganz einfach nur Angst – nicht helfen zu können bei einer Krankheit wie „Morbus Parkinson“? Bin ich da als Freund überfordert?
Fragen über Fragen, die einen überrollen, wenn man den Freunden die Diagnose mitteilt.
Den Schrecken in deren Gesichtern vergisst man so schnell nicht. Die Stille. Ich hatte das Gefühl, der Raum verlor an Wärme und Gemütlichkeit. Der sogenannte „Schritt Rückwärts“ oder auch „Abwenden“ genannt ging so schnell. Aus engen, langjährigen Freunden wurden Zaungucker.
Mein Parkinson hatte die Fähigkeit, die Spreu vom Weizen (ein alter Spruch) zu trennen. Irgendwie kam es mir vor, als ob ich vergessen hatte, den Weizen zu säen.

Die besten Freunde kamen nicht mehr. Gingen einem aus dem Weg und wechselten die Straßenseite. Warum? Die Fragte war überflüssig. Wenn ich dem Gerede und Tratsch, die über mich im Umlauf waren, eine Bedeutung beigemessen hätte, hätte ich gewusst, sie waren alle bestens informiert.
Es ist wirklich was dran. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Jetzt sollte ich mal „Butter bei die Fische“ geben und erzählen, was man so herausgefunden hatte – als Freund .. es war unglaublich. Es zaubert mir immer noch ein Lächeln ins Gesicht.
Ich war ansteckend! Nein, nicht mein Lachen – mein Parkinson. Durch Ansprechen und Hände schütteln. Die beste Aussage kam von meiner guten Freundin, sie hatte recherchiert!
Ja, es ist sarkastisch gemeint, denn so was ist irgendwie unglaublich – der Parkinson ist sehr sportlich, er hüpft bei einer Umarmung auf den andern über. Praktisch wie ein Floh. Ja, richtig gelesen.
Ich war sprachlos und musste auf einmal so fürchterlich lachen, dass ich Bauchweh bekam.
Ihr Blick war voller Mitleid und sie sagte zu mir: „Du Arme, du bist in der Verdrängungsphase.“ und ließ mich stehen. Als der Lachanfall endlich vorbei war, wurde mir bewusst, sie meinte es ernst. Was mich allerdings am meisten getroffen hat, war, von den Freunden, die mitbekommen hatten, wie schlecht es mir vor der Diagnose ging, zu hören, es wäre alles Einbildung. Ich sollte mir mal den Kopf untersuchen lassen. Vielleicht gäbe es ja Tabletten dafür. Parkinson können keine Menschen unter 65 Jahren bekommen und außerdem hätte ich ja nicht schwer gearbeitet.

Ich war enttäuscht und sehr verletzt – nach einiger Zeit wurde ich wütend.
Sollte ich hingehen und meiner Wut freien Lauf lassen? Nein. Ich habe es nicht getan. Wenn ein Freund kein Gespräch mehr sucht, ist er es nicht wert, Freund genannt zu werden. Vielleicht bin ich auch zu anspruchsvoll. Es gibt Freunde und Freunde oder die beste Freundin. Von meiner besten Freundin aus Kindertagen musste ich vor 27 Jahren Abschied nehmen. Sie war krank und wir hielten an unserer Freundschaft fest und uns an den Hände, bis sie starb. Ich dachte immer, so was ist einmalig und kommt nicht wieder. Falsch gedacht.
Mein Parkinson brachte gute neue Freunde und eine zweite allerbeste Freundin.
Ich bin dankbar dafür. Wir sehen nicht täglich, vielleicht geplante drei Mal im Jahr. Die Entfernung ist groß. Aber wenn einer von uns Hilfe braucht, ist der andere da, via Skype, WhatsApp, Facebook Messenger oder Handy. Auch mitten in der Nacht. Freundschaft kennt keine Tageszeit. Freundschaft ist in der heutigen Zeit, die schnelllebig und oberflächlich geworden ist, das Wertvollste, was ein Mensch haben kann und nicht selbstverständlich.

Sie ist eine zarte Pflanze, die gehegt und gepflegt werden möchte und sollte nicht einseitig sein. Vertrauen, Ehrlichkeit, Zusammenhalt in guten wie in schlechten Zeiten. Zwischen Freunden dürfen auch mal die Fetzen fliegen. Aber man muss auch verzeihen können. Solche Freundschaften lernte ich erst mit oder durch meinen Parkinson kennen. Und mein allerbester Freund ist mein Parkinson. Er zeigt mir meine Grenzen und erinnert mich daran, wenn ich mich vernachlässige. Er kommt nur dann wirklich zum Vorschein, wenn ich es übertreibe und hält mir ein Stoppschild vor die Nase.

Ich möchte auf keinen meiner Freunde verzichten.

Beate

teamdopamin

Hallo, wir sind Christoph aus Dortmund und May aus Hamburg. Wir wollen über Morbus Parkinson informieren und aufzeigen, wie vielseitig die Erkrankung und der Umgang damit sein kann – aus der Sicht der Betroffenen selbst. Übrigens: Wir sind beide selbst an Parkinson erkrankt.

Ein Gedanke zu „Wie trennt sich Spreu vom Weizen?

  • 9 Sep 2017 um 10:41
    Permalink

    Ja da bekommt man sofort gezeigt welche Freundschaften echt sind. Auch bei mir sind Freunde sang und klanglos Verschwunden. Dafür kamen neue die mir heute mehr wert sind, weil sie noch heute Teil meines Lebens sind. Heute ist mein Freundeskreis sogar grösser als vorher und darüber freue ich mich sehr.
    Interessieren würde es mich, wie gehen UNSERE Partner damit um und wie kann man ihnen helfen damit fertig zu werden.
    Conny

    Antwort

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