Was wäre, wenn? (1/2)

Noch während sie die Türklinke berührt, ist die Helligkeit weg und Dunkelheit umgibt sie. Dunkelheit ohne das kleinste Fünkchen Helle, nur Dunkelheit. Juli hält den Türgriff krampfhaft fest. Sie ist orientierungslos, hatte sie sich doch so sehr auf diese Helle und Wärme gefreut.

Aber so ist „ER“ immer. Das hat Juli schon sechs Mal erlebt. Immer, wenn sie sich gut fühlte, dann kam „ER“ und ließ sie unbeweglich sein. Immer war das so.

Juli stand da und sie dachte daran, dass es eigentlich Zeit sei, um Medikamente zu nehmen.

Doch an was dachte sie da. Der Gedanke war schon Normalität, doch dieses mal war er unrealistisch. Die Medikamente waren ihr so wichtig, waren aber nicht mehr bezahlbar.

Juli hatte immer noch so viel Geld gehabt, dass sie die Miete, den Strom und Wasser bezahlen konnte. Essen hatte sie nicht jeden Tag, aber das war zu verkraften. Sie brauchte nicht viel. Wenn der Kühlschrank leer war, dann blieb sie eben einfach  in ihrem Sessel sitzen.

„ER“ war derjenige, der das Geld verbrauchte. Für „IHN“, den ungebetenen Gast, benötigte Juli mehr als sie Rente bekam.

Nun war das gesparte Geld aufgebraucht. Was sollte sie tun?

Und nur der Türgriff hielt sie.

Was wäre wenn…Es war eine total unnötige Frage und dieses wusste Juli auch. So stand sie regungslos und starr und träumte. Sie träumte mit offenen Augen. Das konnte ihr niemand verbieten.

Juli fühlt nichts. Dieser Zustand macht ihr eigentlich Angst. Sie spürt, wie ihr Herz schneller zu schlagen beginnt. Sie kann sogar jeden Schlag wahrnehmen. Was beunruhigt sie da nur?

Träumte Juli oder war es Realität? Sie spürte zu intensiv den Schmerz in der Brust, dass dies kein Traum sein konnte.

Juli sah sich und viele Menschen. Was taten sie hier? Weshalb war sie hier?

Juli schaute genauer hin. Was sie sah, das waren keine Unbekannten, es waren Menschen, die sie alle mit Namen kannte.

Angesprochen hatte sie alle schon. Früher hatte sie mit ihnen gesprochen, hatte sie befragt. Früher, als Juli noch als Journalistin für eine große Zeitung arbeitete. Früher, da war das ihr Leben. Und der Job war alles, was sie hatte und er machte ihr sogar Spaß. Damals, als „ER“ zu ihr kam, fingen die Menschen an über sie zu reden. Alkoholikerin sei sie und drogenabhängig. Ihre Hände zitterten zwar, aber sie war weder alkohol- noch drogenabhängig.

Ungern erinnerte sie sich an das Gerede und das Rechtfertigen müssen auf die Anschuldigungen.

Und Juli lachte- ja sie lachte. Denn was sie sah, das waren Menschen, deren Symptome sie kannte. Alle hatten sie “IHN“

Verstehen konnte sie nicht, wie er dies tun konnte. Er hatte sich vermehrt, wie ein Parasit. In den Köpfen der hier Anwesenden hatte er sich eingenistet und dort benötigte er Platz. Zellen lies er absterben, um sich einzurichten.

Es waren viele Menschen hier, Politiker nannten sie sich. Sie diskutierten und redeten. Juli setzte sich auf den letzen Stuhl, ganz hinten und beobachtete und hörte zu.

Was sie hörte, war gut.

Was hier beschlossen wurde, das waren Gesetze.

Gesetze gemacht von erkrankten Politikern für kranke Menschen.

Und die Gesetze waren gut.

Regina

teamdopamin

Hallo, wir sind Christoph aus Dortmund und May aus Hamburg. Wir wollen über Morbus Parkinson informieren und aufzeigen, wie vielseitig die Erkrankung und der Umgang damit sein kann – aus der Sicht der Betroffenen selbst. Übrigens: Wir sind beide selbst an Parkinson erkrankt.

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