Was wäre, wenn? (Teil 2 / 2)

Juli öffnete die Augen, die Uhr an der Wand tickte nicht mehr und der kleine Zeiger rückte nicht mehr vorwärts.
Die Zeit blieb stehen und sie ging mit „IHM“ auf Reisen in ihre Vergangenheit. Die Tür öffnete sich. Juli sah in den langen Gang. Sie wusste, es würde auch diesmal eine beschwerliche Reise werden und sie spürte die Schwere in den Beinen. Mit kleinen Trippelschritten ging sie, den Rücken gebeugt.
Viele Türen befanden sich rechts und links des langen Ganges. Pfeile wiesen auf die Türen und Juli wusste ganz genau, was sich hinter jeder einzelnen Türe verbarg.
Es war ihr Leben. Es waren Menschen, die ihr begegneten oder an ihr vorbeigingen. Es waren Entscheidungen, die Menschen über sie trafen und es waren Erlebnisse. Wertigkeiten und Urteile formten und gestalteten die Zimmer.

Manche der Zimmer waren hell und freundlich. Hier ging sie gerne hinein und verweilte oft Stunden in Gedanken. Man hätte es Juli ansehen können, wie glücklich sie dabei war. Andere Zimmer waren verschlossen. Juli hatte sie verschlossen. Es war das frühere Leben, an welches Juli nicht erinnert werden wollte und welches sie vor sich selbst verschlossen hielt.
Doch manchmal öffnete Juli mit zittrigen Händen eine dieser Türen.
So auch Jetzt.

Sie suchte nach Antworten. Warum gerade ich?
Wehalb muss ich so leben?
Und sie sucht im Zimmer, als sich so Vieles in ihrem Leben veränderte.
Das Zimmer ist in einem unaufgeräumten Zustand. Alles liegt durcheinander. Juli versteht nicht, weshalb es hier so aussieht. Dort, wo sie lebte, war alles sehr ordentlich und alles hatte seinen festen Platz. Freunde sagten ihr sogar einen Putzfimmel nach.

Juli steht da und ist wie gelähmt. Sie sieht die ersten bewusst erlebten Treffen mit „IHM“ und sie erinnert sich sehr ungern daran.
Ein Außerirdischer hatte Besitz von ihr genommen. Seit Jahren führt Juli ein Doppelleben. Und dieses Doppel will Juli bezwingen.

Damals wusste sie überhaupt nicht nichts von „IHM“. Sie wusste, dass er in ihr war und Dinge tat, die nicht der Normalität entsprachen und nicht erklärbar waren.
Seitdem Juli „IHN“ in sich spürte, war ihr Fahrradfahren unmöglich geworden. Sie konnte nicht mehrere Dinge gleichzeitig tun.
Sie blieb mit den Füßen am Boden kleben und konnte nicht gehen. Sie stolperte über Hindernisse, welche nicht vorhanden. Lustig fand sie es nicht mehr, wenn sie rückwärts lief, aber Brot schneiden wollte. Er wollte nicht, dass sie in der Freizeit häkelte und strickte und sie hörte auf damit.

Genauso chaotisch ist das Zimmer, welches Juli geöffnet hat.
Es ist nur Durcheinander und hier findet sie keine Antwort auf das Wieso und Weshalb.
Juli dreht sich um und geht hinaus. Die Tür verschließt sie und dreht den Schlüssel gleich zweimal im Schloss herum.

Ängstlich schaut Juli sich um. Sie weiß, dass niemand hier sein kann und doch fühlt sie sich beobachtet. Sie schaut den Gang entlang und sieht auf der rechten Seite eine geöffnete Tür. In Türbreite aus dem Zimmer dringt eine Helligkeit, die in diesem dunklen Gang Julis Augen weh tut. Ihre Hände hält sie schützend vor die Augen. Sie muss sich erst daran gewöhnen. Sie hat dieses hier noch nie bemerkt, diese Tür war noch nie offen und helles Licht hatte sie auch noch nie hier gesehen. Ob „ER“ dies war? Ob „ER“ ihr nun die Zukunft zeigt? Sollte sich hinter dieser Tür, in diesem Zimmer, dort wo es so angenehm scheint, wirklich Julis Zukunft sein? Sie zweifelt und doch zieht es sie magisch dorthin.

Regina

teamdopamin

Hallo, wir sind Christoph aus Dortmund und May aus Hamburg. Wir wollen über Morbus Parkinson informieren und aufzeigen, wie vielseitig die Erkrankung und der Umgang damit sein kann – aus der Sicht der Betroffenen selbst. Übrigens: Wir sind beide selbst an Parkinson erkrankt.

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