Was wäre, wenn? (Teil 1 / 3)

Jenseits der Stadt und Abseits von allen Geschehnissen und fern von den Menschen stand das kleine Haus, in dem Juli wohnte. Das Haus war alles, was sie hatte.

Seitdem Juli nicht mehr arbeiten konnte, zog sie sich immer mehr in ihre Welt zurück. Früher, da hatte ihr Haus oft Gäste gesehen. Menschen, die mit Juli plauderten und lachten.

Dann kam nur noch der Mann von Gegenüber. Ab und zu klopfte er an der Tür und besuchte Juli. Dann tranken sie Tee zusammen und er erzählte ihr, was es Neues in der Straße gab.

Manchmal erinnerte Juli sich an den Mann und sie sehnte sich nach der tiefen Stimme und der Wärme seiner Hand, wenn er sich verabschiedete.

Eines Tages kam er nicht mehr. Das Klopfen hörte sie nicht mehr. Die tiefe Stimme jedoch behielt sie sich in Erinnerung.

Und so lebte Juli noch mehr Jenseits der Stadt und Abseits der Geschehnisse. Ja, sie verschloss nicht nur ihr Haus für immer, nein, sie kehrte sich um und lebte in sich.

Sie brauchte die Menschen nicht. Nicht diese Menschen. Fragend nach der Menschlichkeit fand sie keine Anhaltspunkte hier unter diesen so genannten „Menschen“ und der überaus wohlwollenden „sozialen Politik“.

Menschen, die ihr begegnet waren, urteilten über sie, obwohl sie nichts wussten von Juli. Als Alkoholikerin stempelte man sie ab. Als Nichtstuer kam sie sich vor. Als sie mit 44 Jahren schon Rente bekam, hörte ihr Leben auf.

In der Gesellschaft war sie ein N, niemand und ein Nichts. Es war ein Alptraum.

Juli lacht jetzt darüber. Mit ihrer kleinen Rente leistet sich Juli öfter eine Reise als früher. Wenn das das Finanzamt wüsste oder die Pflegeversicherung, dann bekäme sie bestimmt Ärger.

Es ist alles anders als gedacht und die Vorstellung reicht.

Im Jahr der Veränderungen, das war genau genommen das Jahr, in dem nur noch das Jetzt zählte, geschah es zum ersten Mal- das Sonderbare.

Wie es geschah und wie es funktionierte, das wusste Juli nicht. Doch jedes Mal, wenn sie zurückkam, war sie erschöpft und doch erfahrener.

Sie war eine Reisende in die Vergangenheit geworden. In ihre Vergangenheit.

Juli saß in ihrem Sessel und wartete wieder einmal. Auf was, das wusste sie nicht. Sie wartete nur so, vielleicht ergab sich ja wieder einmal etwas. Schon lange war sie nicht auf Reisen gewesen. Sie wartete auf „IHN“. Der sie mitnahm. Sie schaute auf die Uhr, deren Zeiger sich lustig im gleichmäßigen Schritt vorwärts bewegten. Solange sie dies taten, kam „ER“ nicht. Das wusste Juli. Sie schloss die Augen. Juli hatte Zeit, sehr viel Zeit.

Sie dachte an „IHN“, weil sie „IHN“ spürte und hasste und liebte. Eingeladen hatte sie „IHN“ nie. Er war gekommen, war da, Tag und Nacht.

Juli hatte sich wegen „IHM“ zurückgezogen. Sie hatte Angst, dass Menschen „IHN“ nicht verstehen und damit hatte sie wohl auch Recht.

Regina