Was mein Kind über Parkinson (und andere Katastrophen) sagt

Im Laufe der letzten Jahre habe ich ein paar kurze Gespräche mit meinem Sohn über Parkinson festgehalten, die ich hier zusammengefasst habe:

Der Arzt riet mir direkt nach der Diagnose, meinem Sohn (11) erstmal nichts über meine Parkinson Erkrankung zu erzählen. Daran hielt ich mich zunächst. Aber natürlich blieb es nicht lange aus: “Mama, warum vibrierst du? Warum nimmst du auf einmal so viele Tabletten?”
Ich gab mir einen Ruck und erzählte ihm von dem Parkinson, der ab jetzt mein ständiger Begleiter sein würde. “Wirst du daran sterben?” war seine erste Reaktion. Ich verneinte. “Dann ist es ja nicht so schlimm.” Sprach’s und wandte sich anderen Dingen zu. Punkt aus, Thema durch.
Ich war perplex.
Zwei Jahre später sah ein Gespräch dann so aus: Parkinson: Ist das ansteckend? Warum hat es gerade dich erwischt? Was machen die Medikamente mit dir? Woher kommt diese Krankheit und warum kann man sie nicht heilen?
Leider konnte ich zu den meisten Fragen keine klare Antwort geben, was nicht besonders befriedigend für ihn war. Aber dann wechselten wir das Thema und kamen zum Klimawandel. Was kann man dagegen tun? Was passiert, wenn der Nordpol schmilzt? Wer leidet am meisten unter dem Klimawandel? Ist dann bei uns bald Wüste? Da gibt es mehr Antworten, wenn auch nicht minder befriedigend, wie die rund um Parkinson: Wenn wir jetzt handeln, kann der Klimawandel aufgehalten werden. Was passiert aber, wenn wir den Punkt erreichen, an dem es nicht mehr geht? Kommt dann die nächste Katastrophe?
Dann wartete mein Sohn mit einer sehr bildhaften Lösung auf: Wenn alles gut geht, können wir weiter auf der Erdoberfläche leben. Wenn alles kippt, müssen wir unter der Erde leben. Also müssen wir uns zu Naturprofis entwickeln, wie die Elfen, das kann den Klimawandel aufhalten. Dann werden wir alle schlank und uns wachsen spitze Ohren. Wenn wir es aber nicht schaffen und uns unter die Erde flüchten müssen, werden wir zu Zwergen. Klein, rund und mit Bärten.
Ich wünschte, ich hätte eine ebenso fantasievolle Lösung für den Parkinson parat gehabt.
Inzwischen ist mein Sohn fast erwachsen und immer noch sprachlich eher hanseatisch sparsam. Wenn er mich heute auf meine Erkrankung anspricht (was sehr selten vorkommt), ist er eher pragmatisch und macht sich Gedanken um praktische Hilfsmittel, wie beispielsweise, dass man mit Hilfe von Laserstrahlen oder elektrischen Impulsen die Tätigkeit der Gehirnzellen verbessern könne. Ich erklärte ihm daraufhin die Tiefe Hirnstimulation und es entwickelte sich daraus ein interessantes Gespräch.
Es sind nicht nur wir Menschen mit Parkinson, die lernen müssen mit dieser Erkrankung zu leben. Auch die Angehörigen und Freunde brauchen Informationen und Unterstützung. In manchen Punkten wahrscheinlich sogar mehr als wir, da sie den Parkinson nur indirekt durch uns kennenlernen.

May