Verhaftet, jedenfalls beinahe

Es war am Freitag, letzte Woche Freitag, ich bin gerade vom Sport zurück, selbstredend, dass ich in solchen Fällen mit dem Fahrrad fahre, also ich.. durchgeschwitzt und auf dem Weg zur Dusche, zunächst also, alles wie immer… da klingelte das Telefon.

„Spreche ich mit Wolfgang Wilhelm Rudi Bornemann?“ Diese Anrede haut mich um, wer kennt alle meine Vornamen und spricht mich damit am? Ich habe also bestätigt „Ja“. „Ja hier Polizeirevier Gronau, Mühr am Apparat“, teilte mir eine Frauenstimme mit. „Gegen Sie liegt ein internationaler Haftbefehl vor. Ich müsste Sie umgehend abholen, wenn, ja wenn nicht ihr tadelloses Führungszeugnis dagegen sprechen würde, kein Eintrag, alles bestens, auch die Kollege hier wissen nichts Negatives zu berichten.“

„Der Haftbefehl ist uns gerade vom BKA in Wiesbaden zugestellt worden. Was können Sie zu Ihrer Entlastung sagen, Herr Bornemann?“ Ich: „Wie bitte“? „Ach“, fiel sie mir ins Wort,

„Wissen Sie was, ich gebe Ihnen jetzt die Telefonnummer vom Bundeskriminalamt in Wiesbaden und eine halbe Stunde dazu, um den Vorfall mit den Kollegen dort zu klären.“, dröhnte sie in mein Ohr. „Notieren Sie folgende Nummer!“  Ich Telefonnummer aufschreiben? Das war schon unter normalen Umständen ein mühsames Unterfangen, etwas auf herkömmliche Art und Weise mit einem Stift wieder erkennbar zu Papier zu bringen, jetzt…. aussichtslos. Erschwerend kommt weiter hinzu, dass ich das Telefon aufgrund der durch dieses Telefonat kräftig angeheizten Überbewegungen nicht ruhig und besonnen am Ohr hielt, sondern schwungvoll durch den Raum schleuderte, was zwangsläufig zur Unterbrechung des Telefonats führte.

Am Klingeln erkannte ich dann, dass es unter dem großen IKEA – Regal gelandet war. „Ich kann Sie auch gleich abholen lassen!“, fauchte mich die nette Polizistin des Polizeireviers Gronau an, die es ja offensichtlich so gut mit mir meinte und mir anbot, von allerhöchster Stelle eine Information zu bekommen, warum ich verhaftet werden sollte.

Unfähig, mit klaren Sinnen zu denken, viel weniger noch in klaren Worten zu reden, unmöglich etwas leserlich aufzuschreiben, hämmerte mir mein Hirn mit ultrakurzer Wiedervorlagezeit den Begriff „internationaler Haftbefehl“ in den Kopf, immer wieder.

Ein aus der digitalen Antike herübergeretteter Taschenrechner auf dem Schreibtisch, mit vergleichsweise riesengroßen Tasten, rettete mich wohl vor der sofortigen Verhaftung. Es war das Gerät, das ich in der gegenwärtigen Verfassung bedienen und in das ich die mir genannte Telefonnummer eintippen konnte.

Nach Abschluss dieses Telefonats wäre jetzt wohl der richtige Zeitpunkt gekommen, das alles mal in Ruhe sacken zu lassen und nachzudenken… ja wäre…mir jedenfalls ist dieser Gedanke nicht gekommen, mich ritten im Moment wohl zehn Teufel gleichzeitig und das jeder in eine andere Richtung, wobei sie mir ständig „nur eine halbe Stunde Zeit“, „internationaler Haftbefehl“, „Bundeskriminalamt anrufen“ ins Ohr brüllten.

Zitternd wählte ich die im Taschenrechner gespeicherte Wiesbadener Nummer des Bundeskriminalamtes. Nach gerade zweimaligen Klingeln sprach ich mit Herrn Straub vom BKA.

„Tja, Herr Bornemann“ hörte ich ihn sagen, nachdem er anhand meiner Personalausweisnummer, die ich ihm vorgestottert habe, er angeblich meine Identität geprüft hatte. „Gegen Sie liegt ein internationaler Haftbefehl aus der Türkei vor, Sie haben bedeutende Kulturgüter widerrechtlich außer Landes geschafft, was sagen sie zu diesem Vorwurf, Herr Bornemann?“

Ich inzwischen den Tränen nahe und mit derartigen Überbewegungen versehen, das Sorge um die Unversehrtheit der in meiner Reichweite positionierten Gegenstände bestand, erinnerte mich daran, und ich gab dem BKA zu Protokoll, dass wir vor Jahren an lässig eines Türkeiurlaubes mal einen viel zu teuren Teppich gekauft haben. „Sie geben den Vorwurf also zu?“ schrie mich das BKA an. „Ich schicke zwei Kollegen los, die Sie umgehend abholen und hier nach Wiesbaden bringen werden, halten Sie sich bereit!“

Unfähig, irgendetwas Verständliches von mir zu geben, schluchzte ich wohl derart Mitleid erregend ins Telefon, dass selbst das hartgesottene BKA meinen Zustand erfühlen konnte, mitleidsvoll versuchte man mich zu trösten: „Nun machen sie sich mal nicht verrückt!“, vernahm ich die Stimme der Kriminalbehörde. „Schicken Sie mir mal bis morgen früh alle Unterlagen, die Sie vom Teppichkauf haben, ich rede dann mit der türkischen Dienststelle und wenn wir Glück haben setzt die Behörde dann den Strafbefehl aus.“Licht am Horizont, meine Gefühlslage besserte sich. Ich versprach das ganze Haus auf den Kopf zu stellen, um die angeforderten Unterlagen zusammenzustellen und auf dem schnellsten Wege nach Wiesbaden zu senden.

„Machen Sie das,“ hörte ich mein Gegenüber sagen, „rechnen Sie aber auch damit, dass die Türken sich auf diesen Deal nicht einlassen oder der Aussetzung des Haftbefehles nur gegen Zahlung einer angemessenen Kaution zustimmen.

Bornemann, wach endlich auf, wie naiv bist Du eigentlich? Jetzt war ich die Ruhe selbst, und suchte mit Hinweis auf die angekündigte Hausdurchsuchung nach den Unterlagen des Teppichkaufes, das Gespräch kurzfristig zu beenden. Ich sollte also eine Kaution bezahlen, damit ich mich nicht in einem türkischen Gefängnis wiederfinde. Lachhaft! Und wenn es wirklich einen Haftbefehl gegen mich geben würde, dann wären die Polizisten längst hier, um mich abzuholen, sie würden nicht über das Telefon nachfragen, ob ich quasi Zeit hätte, mitzukommen.

Spät, doch nicht zu spät, funktionierte mein Hirn wieder normal und gab mir den Tipp, mal bei der Polizei Gronau nachzufragen, ob es die Kollegin Mühr gibt und was dieses Theater hier soll.

Die Aufnahme der Anzeige, mit allerdings niedriger Wahrscheinlichkeit auf Erfolg, bei der örtlichen Polizei hat dann nochmal zwei Stunden gedauert.

Als das vermeintliche BKA am nächsten Tag tatsächlich noch einmal anrief und den Eingang der Unterlagen erwartete, reagierte es nach kurzer Zeit mit einem monotonem tüt, tüt, tüt, als ich was von Betrüger und Verbrecher ins Telefon schrie….

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Von teamdopamin

Hallo, wir sind Christoph aus Dortmund und May aus Hamburg. Wir wollen über Morbus Parkinson informieren und aufzeigen, wie vielseitig die Erkrankung und der Umgang damit sein kann – aus der Sicht der Betroffenen selbst. Übrigens: Wir sind beide selbst an Parkinson erkrankt.

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