Eine Reise durch mein Leben

Mit ca. 10 Jahren :
Alle sagen ich sei so langsam und dann verspotten sie mich auch noch deswegen. Ich merke ja auch selber, dass ich nicht die schnellste bin, aber, dass ich so leise spreche bemerke ich selber nicht. Ich habe aber auch ein Loch im Trommelfell — daran wird es liegen.

Die Pubertät:
Na ja, schneller bin ich noch immer nicht, aber ich hab mich damit abgefunden. Nach meiner Operation beim Ohr spreche ich immer noch so leise. Ich bin sehr emotional und teilweise depressiv, aber wer ist das nicht in der Pubertät. Wahrscheinlich ist es bei mir einfach etwas intensiver.

Junge Erwachsene:
Mein Leben lebe ich in Schneckentempo weiter. In letzter Zeit hab ich es mir angewöhnt, lauter zu sprechen. Irgendwie ist das sehr anstrengend und kommt mir selber sehr laut vor.

24 – 33 Jahre:
In der Zwischenzeit hat sich sehr viel getan in meinem Leben. Ich habe einen tollen Mann kennengelernt. Wir haben zwei wundervolle Töchter und geheiratet haben wir auch vor kurzen. Eigentlich bin ich sehr glücklich, auch wenn ich zurzeit sehr viel um die Ohren habe. Ich sag halt auch zu allem ja, aber das hab ich bis jetzt immer alles geschafft.

34 Jahre :
In letzter Zeit bin ich immer sehr müde. Der ganze Tag ist, als ob ich halb schlafen würde. Meine Beine schmerzen am Abend sehr und manchmal zittere ich auch, aber meinem Mann sage ich lieber nichts. Der sagt eh immer nur, ich muss mal kürzer treten.

Zwei Wochen später:
Mein Mann hat das Zittern längst bemerkt. Mir ist immer sehr schwindelig und ich gehe wie eine Betrunkene. Ich war bei einem Arzt, der mit Restex verschrieben hatte, wegen meiner Beine. Es geht mir jetzt ein wenig besser.

Nach einigen Tagen:
Gestern konnte ich nicht mehr schreiben. Da fehlten die halben Buchstaben. Erst dachte ich es liegt am PC, aber bei meinen Mann funktionierte die Tastatur. Am Abend waren wir dann auf einer Party. Ich hatte ein klein wenig getrunken, aber nicht viel. Es ging mir echt nicht gut. Ich zitterte stark, aber es war ja auch kalt. Wir sind dann frühzeitig nach Hause und ab ins warme Bett. Das Zittern wurde immer stärker. Der Tremor war dann so schlimm, dass mein Mann mit mir ins Krankenhaus fuhr.
So nun liege ich im Krankenhaus und alle glauben ich hätte psychische Probleme,  weil ich bei der Einlieferung Alkohol im Blut ( sehr wenig) und noch eine Panikattacke hatte. Hat mir auch verdammt Angst gemacht, dieses Zittern. Sie haben mir schon Beruhigungsmittel gegeben, aber ich zitterte immer noch. Immer wieder erklärte ich den Ärzten, dass ich schon öfter​ gezittert habe. Egal, ich muss in drei Wochen zur Psychologin.

Nach drei Wochen:
So, jetzt bin ich bei der Psychologin. Ich zeige ihr meine zitternden Hände, wir reden über mein Leben und lachen sehr viel. Die Ärztin fragt sich, warum sie mich nicht zu einen Neurologen schicken. Ich sei bei ihr fehl am Platz. Sie ist sehr nett und macht gleich einen Termin für mich aus.

35 Jahre:
Langsam weiß ich gar nicht mehr bei welchen Ärzten ich alles war. CD – MRD – Ultraschall und… ach keine Ahnung. In einem sind sich die Ärzte sicher. Es muss was neurologisches sein. Jetzt hab ich einen Termin in der Uniklinik. Da gibt es eine eigene Ambulanz für Bewegungsstörungen. Ich wusste gar nicht, dass es sowas gibt. Leider ist der Termin erst in einem Monat. Ich zittere halt mal weiter. Mittlerweile bin ich es schon gewöhnt. Eigentlich bin ich nicht mehr richtig anwesend.

Nach einem Monat:
Na dann zur Klinik. Ich denke, die finden sowieso wieder nichts. Die Ärztin macht so komische Tests mit mir. Diese Tests hat der andere Neurologe auch schon gemacht. Sie hat jetzt den gleichen verwirrten Blick wie er damals. Sie redet was von Dat-Scan und Dopamin. Ich steh noch immer neben mir und sage zu allem ja. Das heißt, ich muss wiederkommen und diesen Test machen.

Wieder einen Monat Später:
Der Dat-Scan war negativ, aber meine Ärztin ist überzeugt und spricht mit mir das erste Mal über Parkinson. Ich höre gar nicht richtig hin, weil ich einfach nur mal endlich Hilfe haben will. Sie verschreibt mir Sifrol. Alle zwei Wochen eine Stärkere.

Zwei Monate später:
Soll ich jetzt froh sein, dass die Medikamente so gut wirken? Ich kann mir echt nicht vorstellen, dass ich das haben könnte. Hat man das nicht eher im hohen Alter? Wie sieht meine Zukunft jetzt aus?
Heute:
Langsam habe ich das ganze verarbeitet. Ich traue mich auch schon ein wenig mit anderen darüber zu reden. Irgendwie hoffe ich immer noch, dass sich die Ärztin getäuscht hat, aber es geht mir so gut, ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so energiegeladen war. Wenn ich darüber nachdenke, war ich das mein ganzes Leben lang nicht. Seit wann mich Parkinson in meinem Leben wirklich schon begleitet, kann ich nicht sagen, aber ich denke länger als es mir bewusst ist.  Als Kind war ich schon immer anders als die anderen und wahrscheinlich hat es da auch schon erste Anzeichen gegeben.

Dank der vielen netten Menschen, die an diesem Buch mitschreiben, kann ich endlich über meine Krankheit reden ohne zu verzweifeln. Ja sogar, dass ich hier und jetzt meine Geschichte erzählen darf, tut mir richtig gut.

Danke an alle die mich bei meinem Leidensweg bis jetzt begleitet haben.

Eine Zitterkriegerin