Von Einem, den Parkinson nie interessiert hat (Teil 3/3)

Wir trauten unseren Augen kaum, als wir ihn einige Tage nach der Operation in München im Krankenhaus besuchten. Da kam uns der Tony auf dem Gang entgegen. Ohne Rollstuhl, ohne Stock oder anderer Gehhilfe. Auf dem Weg zum Mittagessen in ein nahegelegenes Wirtshaus konnten wir kaum Schritt halten. Und wie hat der Tony gestrahlt und voller Begeisterung von der Operation erzählt.

Doch der Alltag hat Einzug gehalten. Der Fuß „zickt“ immer noch rum, aber dem Tony geht´s viel besser.  Und manchmal hab´ ich den Eindruck, der Tony hat mit seiner Krankheit seinen Frieden gemacht und seine Bestimmung gefunden. Mit welcher Energie er sich in der Parkinson-Gruppe engagiert ist schon beeindruckend. Und auch die Fahrradtour nach Padua zu seinem Namenspatron ist eine Leistung, die nur mit eisernem Willen zu meistern ist.

Aber eines muss klar sein: Ohne den bedingungslosen Rückhalt seiner Familie, im Besonderen seiner Ehefrau, hätte der Tony es in dieser Weise nicht geschafft. Seine Launen zu ertragen, Vollzeit in die Arbeit zu gehen um das Finanzielle auf sichere Beine zu stellen, die Familie zusammen zu halten und alles andere zu erledigen, was der Tony nicht mehr machen kann, daran wären die meisten von uns gescheitert.

Und dass wir im August wieder zum Zelten fahren steht außer Frage. Und dass der Tony und seine Familie wieder dabei sind, ist auch klar. Und dass der Tony sich nicht helfen lassen will und immer noch alles besser weiß, auch das ist klar. Und dass man ihn nicht umstimmen kann, weil er immer recht hat, auch das wissen wir. Ein richtiger Dickkopf halt!

Und dass uns das manchmal aufregen wird, dessen sind wir uns voll und ganz bewusst.
Aber so ist er halt, der Tony.

Von einem, den Parkinson nie interessiert hat, der jetzt weiß, was es bedeutet,
das „Wie“ und vor allem das „Warum“ aber immer noch nicht begriffen hat.

Thomas

Von Einem, den Parkinson nie interessiert hat (Teil 2/3)

Er ist einfach umgefallen…

Und das waren damals sicherlich schon Anzeichen von Parkinson. Im Nachhinein betrachtet ergibt jedes kleine Puzzleteil nun ein gesamtes Bild.
Aber damals, ja damals haben wir drüber gelacht, blöde Witze gerissen und nicht im Traum daran gedacht, dass eine solche Krankheit dahintersteckt.
Die Anzeichen dafür, dass irgendwas mit Tony nicht stimmt, wurden im Lauf der Zeit immer mehr und immer deutlicher. Schwankender Gang, immer langsamer werdende Bewegungen, teilweise eingeschränkte Fingerfertigkeit und auch die Art und Weise seinen Kopf zu bewegen, waren auffällig.
Und eines Tages erfuhren wir: Der Tony hat Parkinson!
Parkinson!

„Schüttellähmung, oder wie heißt das?“
Unsere Meinung war: Das bekommen doch nur alte Leut´!
Weit gefehlt!
Und wie rasant der Krankheitsverlauf dann war, war für uns als Freunde schon erschreckend. Innerhalb von ein paar Jahren brauchte der Tony einen Stock zum Gehen, weil ein Fuß nicht mehr so wollte wie er und plötzlich saß der Tony zeitweise im Rollstuhl!

Das kannst du als Außenstehender nicht begreifen!
Beim Zelten haben wir es dann so richtig mitbekommen. Die Unmenge an Tabletten, alle paar Stunden eine Handvoll! Dinge, die für uns selbstverständlich sind und leicht von der Hand gehen, wie z. B. das Zelt aufstellen, die Abspannschnüre spannen, die Heringe in den Boden schlagen, für alles brauchte der Tony unendlich viel Zeit. Aber auch damals ließ er sich kaum helfen, er wollte immer alles selber machen. Da konnte man schon erkennen, dass sich der Tony mit seiner Krankheit nicht einfach so abfinden wollte.

Was innerlich in einem Menschen vorgehen muss, der seinen eigenen „Verfall“ in dieser Geschwindigkeit erlebt, kann sich einer, den es nicht betrifft, kaum vorstellen. Die Unzufriedenheit, das Hadern mit dem eigenen Schicksal, die teilweise Aggressivität in der Wortwahl und der harsche Umgang mit seiner Familie und Freunden, aber auch das Resignieren, das alles findet plötzlich eine Erklärung.

Und trotzdem hat uns das manchmal aufgeregt. Aber so war er halt, der Tony.
Einige Zeit später hat er sich dann einen „Hirnschrittmacher“, wie er ihn nennt, einsetzen lassen, weil es für ihn die einzige Option war, massiv etwas gegen die rasante Entwicklung der Krankheit zu unternehmen. Was war das für ein Erfolg.

Thomas

Von Einem, den Parkinson nie interessiert hat (Teil 1 /3)

Über 30 Jahre ist es her, als ich meine Frau kennen und lieben gelernt habe. Und wie es so ist, lernst du auch den Freundeskreis deiner Freundin kennen. Und wie es so ist in einer eingeschworenen Clique, wirst du anfangs mit Argusaugen beäugt.

Nach und nach lernst du die Leute kennen. Und einer davon war der Tony.
Damals wurde er „Efendi“ genannt. „Efendi“ nach der Rolle des Robert Giggenbach aus der Serie „Irgendwie und Sowieso“, die in dieser Clique Kult war und ist und von der heute noch Situationen und Aussprüche zitiert werden.

„Efendi“ darum, weil der Tony auch immer alles besser gewusst hat, genau wie das Original.

„Efendi“ auch darum, weil er sich auch nicht hat umstimmen lassen und immer Recht behalten musste. Ein richtiger Dickkopf halt.

Damals hat uns das schon manchmal aufgeregt.
Aber so war er halt, der Tony.

Und schon zu dieser Zeit wurde einmal im Jahr für ein verlängertes Wochenende zum Zelten gefahren. Damals noch mit über 30 Leuten, alle jung und wild. Und des Öfteren wurde es am Lagerfeuer hell, bis sich auch die Letzten in bzw. unter die Zelte verkrochen.

Heute wird immer noch gefahren. Mittlerweile sind nur noch vier Familien mit von der Partie. Und auch die Feste am Lagerfeuer dauern nicht mehr so lange. Wir sind alle Ü 50, nun sind unsere Kinder die, die am Lagerfeuer übrig bleiben und die Tradition von den „Alten“ übernehmen. Und das ist gut so und wir sind stolz darauf.

Und der Tony und seine Familie sind immer noch dabei.
Vor einigen Jahren fiel uns immer wieder mal auf, dass sich beim Tony was veränderte. Er wurde einfach langsamer, die Bewegungen ungenauer, die Sprache etwas undeutlicher. Schnell geredet hat er ja immer schon, aber jetzt konnte man ihn manchmal gar nicht verstehen.

Ein Ereignis ist mir noch sehr gut in Erinnerung: Eines Nachmittags beim jährlichen Zeltlager stand der Tony von der Bierbank auf und ist samt Bierbank nach hinten umgefallen.
Am helllichten Nachmittag!
Dass beim Zelten jemand mit der Bank umfiel, ja das ist immer wieder mal passiert, aber erst spät am Abend und niemals der Tony. Aber das Schockierende dabei war nicht, dass der Tony mit der Bierbank umgefallen ist,
sondern „wie“ er umgefallen ist!
Er ist einfach umgefallen, ohne Versuch sich am Tisch festzuhalten, ohne einen Schritt zu machen um sein Gleichgewicht wieder zu erhalten. Nein, einfach umgefallen.

Thomas