Ich bin dann mal weg

Das sagte einst Hape Kerkeling. Mein multitaskingfähiger Wecker klingelte und sprach gleichzeitig:”Es ist fünf Uhr.” Meine Antwort darauf: “Gehört.”- aber er reagierte nicht.
Fluchte ganz leise in die Bettdecke und musste meinen Arm unter der mit mir so angenehm verschmolzenen Bettdecke heraus ziehen und den Notausknopf drücken. Denn mittlerweile war diese zärtliche Stimme in die Dauerschleife geraten. Mir entwich für diesen Tag mein erstes AUA verbunden mit einem „Mist“. Meine Augen wollten auch noch nicht so richtig die Welt sehen.
Hier, wo ich jetzt bin, ist alles um mich herum in Ordnung. Mein Parkinson ist so ruhig, als ob er nie da gewesen wäre.

Vor ein paar Tagen habe ich erst gesagt, alles hat seine Zeit. Da wusste ich nicht, dass mein Parkinson Freunde braucht. Anstatt zu fragen: „Beate, darf ich mir Freunde einladen?“, wollte er wirklich wahre Freunde, die bleiben durften. Und wie bekommt man solche Freunde? Geht man in die Welt hinaus und sucht sie? Oder ist es Zufall und sie finden einen?
Ich denke mir, es ist Letzteres.

Das Thema „Freunde“ war schon mal sehr wichtig in meinem Leben. Ohne Familie und Freunde geht es nicht. Aber ohne Parkinson könnte ich schon leben. Er liebt mich eben und bleibt.
Treue Seele. Im vergangen Jahr wurden meine Probleme im unteren Rücken immer schlimmer.
Ich war nicht mehr so standhaft und windschnittig. Kam eher in die Schieflage. Nach einigen Ruhepausen ging es dann wieder. Ich kam mir vor wie eine 80jährige. Wenn ich auf die Füße wollte, es auch in die Startposition geschafft hatte und losgehen wollte, kam ein “Aua”.

Jetzt erstmal den richtigen Stand finden. Hüfte mal nach links und rechts schieben, Hinterteil zusammen kneifen und los. Ein paar Schritten warm laufen. Es hat geklappt. Man muss halt in Bewegung bleiben. Schade, dass der Körper doch mal Ruhe braucht. Viele Wege führen nach Rom. Ich wollte nach Rom. Fand leider nur einen Weg direkt in eine Radiologische Praxis. “CT” oder “MRT” machen, um alles abzuklären. Der beste Satz an diesem Tag war: “Bitte bleiben Sie ganz ruhig liegen und atmen Sie ganz normal!”

Ich dachte mir, was soll ich jetzt machen bei meinen unruhigen Beinen? Also ruhig bleiben und weiter atmen.

Nach dem ganzen scannen – durch-scannen.. kamen sie dann zum Vorschein, die Dinge, die kein Mensch braucht. Krankheiten. Richtig gelesen, es ist die Mehrzahl. Nach dem Motto „Nimm Zwei“. Im Doppel ist es eben billiger. Und ich nahm das, was übrig blieb. Einen vorgewölbte Bandscheibe und die berühmte Arthrose. So bin ich eben, beim Verteilen gleich ganz vorne und hinterher jammern. Im Kleingedruckten stand: „Keine Rückgabe und Jammerzurückgarantie“.

Etwas Positives haben meine beiden neuen Weggesellen. Ich brauche keine zusätzlichen Medikamente. Dafür gibt es keine. Schmerzmittel habe ich schon auf dem Plan.

Ich wollte dann mal weg. So wie Hape Kerkeling. Doch ich war nicht schnell genug und blieb dann doch und ließ mich von den Therapeuten verwöhnen. Denn egal, was wir haben und was noch kommt, ich schaue vorwärts – niemals zurück. Was war, ist vorbei. Was kommt, keine Ahnung.
Die Überraschungen sind die Dinge, die das Leben ausmacht. Manchmal lächle ich, obwohl ich innerlich schreien könnte. Dann geht eine Tür zu und eine andere auf. Beim Durchgehen der Tür, die mir das Leben neu öffnet, kann ich auch mal stolpern und manches Chaos nicht verstehen.

Aus Fehlern immer noch lernen. Auch, wenn ich hinfalle, werde ich wieder aufstehen und mit einem Lächeln nach vorne schauen. Der Weg, der mir in meinem Leben mit Parkinson und seinen Freunden eröffnet wird, wird vielleicht etwas holprig. Es ist mein Lebensweg, den ich gerne gehen werde, nur habe ich meinem Parkinson gesagt, mehr Freunde sind nicht drin. Er nahm es stillschweigend hin.

Ich sage dann doch mal … ich bin dann mal weg.

Beate

Outing – Man (n) fällt aus der Norm

Outing steht für „anders sein“ – „nicht der Norm entsprechen“. Es ist wie als ob man z.B. Homosexuell wäre. Sie outen sich auch. Muss man sich Outen? Herr Wowereit, ehemaliger Bürgermeister von Berlin, stellte sich hin und sagte: „Ich bin Schwul und das ist gut so“. Er hat für Aufsehen und Zündstoff gesorgt.

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Wie trennt sich Spreu vom Weizen?

Freunde und Parkinson

oder

Wie trennt sich Spreu vom Weizen?

Freunde – Freundschaft !?
Sollte ein Freund eine Freundschaft überdenken, wenn der Freund oder die Freundin „KRANK“ geworden ist? Ist sie dadurch weniger wert? Oder ist es ganz einfach nur Angst – nicht helfen zu können bei einer Krankheit wie „Morbus Parkinson“? Bin ich da als Freund überfordert?
Fragen über Fragen, die einen überrollen, wenn man den Freunden die Diagnose mitteilt.
Den Schrecken in deren Gesichtern vergisst man so schnell nicht. Die Stille. Ich hatte das Gefühl, der Raum verlor an Wärme und Gemütlichkeit. Der sogenannte „Schritt Rückwärts“ oder auch „Abwenden“ genannt ging so schnell. Aus engen, langjährigen Freunden wurden Zaungucker.
Mein Parkinson hatte die Fähigkeit, die Spreu vom Weizen (ein alter Spruch) zu trennen. Irgendwie kam es mir vor, als ob ich vergessen hatte, den Weizen zu säen.

Die besten Freunde kamen nicht mehr. Gingen einem aus dem Weg und wechselten die Straßenseite. Warum? Die Fragte war überflüssig. Wenn ich dem Gerede und Tratsch, die über mich im Umlauf waren, eine Bedeutung beigemessen hätte, hätte ich gewusst, sie waren alle bestens informiert.
Es ist wirklich was dran. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Jetzt sollte ich mal „Butter bei die Fische“ geben und erzählen, was man so herausgefunden hatte – als Freund .. es war unglaublich. Es zaubert mir immer noch ein Lächeln ins Gesicht. “Wie trennt sich Spreu vom Weizen?” weiterlesen

Fünf Jahre danach …

Es ist mittlerweile fünf Jahre her, als ich nach gefühlten 100 Jahren die endgültige Diagnose Morbus Parkinson bekam. Ich war so richtig froh und glücklich. Die meisten Personen in meinem Umfeld verstanden mich nicht. Wie konnte ich lachen und glücklich sein über eine Diagnose? Morbus Parkinson eine unheilbare Nervenkrankheit. Diese Diagnose brachte mich in mein Leben zurück. Die Medikamente machten aus mir wieder einen Menschen. Ich wurde vom krummen, schlurfenden, gesichtslosen Menschen mit leiser piepsiger Stimme und unleserlicher Schrift zu einem Menschen, der wieder am normalen Leben teilnehmen konnte und wollte. Dass sich mein Leben ändern würde, war mir klar. Dass es sich so radikal ändern würde, allerdings nicht. Nachdem ich die ersten Einheiten von meinen Parkinson-Medikamenten bekam, war es, als ob ich aus einem Dämmerschlaf aufgewacht wäre. Meine Augen gingen wie in Zeitlupe auf und ich nahm mein Umfeld wieder war. Es bekam alles wieder Farbe.

Ich wollte leben. Mein Leben, mein einziges Leben, was ich je haben werde, wollte ich wiederhaben. Nein – ich wollte es weiter (er)leben, die Jahre, die mir genommen wurden, durch falsche Diagnosen, bekam ich nicht wieder. Die Jahre waren vorbei, aber nicht vergessen. Zurückholen ging nicht und wollte ich es überhaupt? Nein. Meine Schwellenangst, so nannte ich es. Der Gang nach draußen war eine Überwindung, die ich Schritt für Schritt, tagein tagaus üben musste. Ich nahm Fahrstunden, um wieder die größte Unabhängigkeit, die der Mensch je hatte und immer noch hat, einen PKW zu lenken, nicht aufzugeben.

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