Sie haben Parkinson?

Mitte des Jahres bekam ich Post. Nichts außergewöhnliches, denkt man sich. Für mich schon. Absender: Deutsche Rentenversicherung Bund. Neugierigkeit überrollte mich nicht gerade, denn die Rentenversicherung und ich sind keine guten Freunde. Ich öffnete diesen Brief und setzte mich erstmal hin. Ich dachte, ich traue meinen Augen nicht. Es war eine Aufforderung zur Begutachtung der Arbeitsfähigkeit. Aber nicht einfach ein Gutachter um die Ecke. Nein. Es muss einer sein, der ca. 90 Km – einfache Fahrt – entfernt ist. Ein Fahrtkosten-Erstattungsantrag war auch dabei.

Der Termin war im September. Mein Dritter in diesem Jahr. Meine Gedanken kreisten nur um diesen Termin. Dieser Termin wurde für mich der Wichtigste, denn mit diesem Gutachten steht und fällt meine Zukunft. Hört sich dramatisch an und es ist auch. Die Personen, die mich kennen, wissen, dass ich das Wort „Kampf / kämpfen“ nicht mit meinem Parkinson in Verbindung bringen möchte. Denn ich bin keine Kriegerin und auch nicht im Kriegszustand. Das wäre ja furchtbar. Bei einem Krieg gibt es immer Verlierer oder auch Opfer.

Der gewisse Tag stand nun an. Die Tabletten nahm ich dann doch wie immer, genau nach Uhrzeiten. Seine Berufsbezeichnung Neurologe, Psychologe, Spezialist für Neurologische Erkrankungen, Internist. Na dann mal los…

Super pünktlich war ich dann da. Eine Stunde zu früh. Der Empfang war sehr freundlich und man bat mich, die Praxis nochmal für eine knappe halbe Stunde zu verlassen. Mein Gehstock und ich zogen nochmal los, in ein nettes kleines Café… und ich dachte mir: Was mache ich jetzt, um ein wenig die Wirkung der Tabletten zu entschärfen? Da sah ich eine Quarktorte. Pures Eiweiß, die schmeckt bestimmt! „Einen Pot Kaffee und diese schöne Quarktorte bitte“.

Es hat mir gut geschmeckt. Und das, was passieren sollte, ist eingetreten. Ich wurde laaaahhhhmmmm und nuschelte. Meine Gesichtszüge waren etwas angespannt, innerlich aber lächelte ich. Wieder zurück in der Praxis, habe ich nochmal knapp 30 Minuten gewartet. Ich war müde und quengelig wie ein Kind, das einen Mittagsschlaf brauchte.

Dann wurde ich aufgerufen. Es war immerhin Mittwochmittag, 12.30 Uhr, Terminvorgabe …tatsächlicher Zeitpunkt (ich schicke dazu ein Lächeln). Ich war etwas schwerfällig, weil der Kuchen mir doch etwas um die Beine herum hing. Ich musste vorlaufen, weil er schon gleich mit der Untersuchung begann…Time ist Money. Er bot mir einen Stuhl an und dann kam es. Eine Feststellung? Eine Aussage? (von meiner Sache her ein Scherz, Witz oder ein „der hat sie doch nicht alle!” Entschuldigung.) Ich dachte wirklich: Wo bin ich hier? Na, was wird er wohl gesagt haben?

„Frau H., so wie ich das sehe, HABEN SIE GAR KEIN PARKINSON“ Ich staunte nicht schlecht. Ich wurde zur kleinen Zicke.

Nachstehend unser Gespräch bzw. Dialog:
Beate: „Ich habe keinen Parkinson? Wow… wie kommen sie darauf?”
Arzt: “Ihr Gangbild ist nicht gerade Parkinson-typisch, Sie zittern nicht. Ach ja, haben sie einen DAT-Scan?”
Beate: “Nein! Was soll ich damit? Es wurden zwei L-Dopa Tests gemacht und die waren eindeutig.” Arzt: “Was ist das – ein L-Dopa Test?” (fragte er mich das jetzt wirklich- als Neurologe?)

The Show must go on, jetzt kam die Zettelwirtschaft. Erst mal auf dem Schreibtisch stapeln, umstapeln und dann ging es los. “Bitte nehmen sie sich ein Blatt nach dem andern und erledigen sie bitte dieses Aufgaben.”

Ah, jetzt kam zuerst die ergotherapeutischen Fähigkeiten auf den Prüfstand. Da arbeitete ich schnell und akkurat. Was macht er? Er schaut permanent auf seine Uhr. “Sie arbeiten in der Realität auch so genau?” kam die Frage. Ich schaute etwas ungläubig und sagte: “Ja, was dachten sie denn? Halber Zettel ausgefüllt und schon nahm er ihn mir wieder weg. Dann die anderen Zettel –mehr schlecht als recht.
Aber immer wieder musste ich aufstehen und eine Gangprobe hinlegen. Bei dem dritten Mal wurde ich dann etwas ungehalten mit der Bemerkung, ich sei erschöpft und meine Beine tun weh.

Appropos Beine: Die wollte er dann auch noch untersuchen und ich mutierte zum Kleinkind und quengelte. Die Punkte auf seiner Skala gingen immer ein klein bisschen höher. Wonach er das berechnete, wollte ich nicht wissen. Mittlerweile ging diese Untersuchung in die dritte Stunde und ich war müde und wirklich an meine Grenzen gekommen.

Der Riechtest war sehr interessant. Die Riechproben waren in Behältnissen wie vor 30Jahren (schätzungsweise). Er war der Vorriecher. Er hielt es mir unter die Nase: Nix. Ich roch nichts, garnichts. Die Uhr zeigte bald halb vier. Ich war fix und fertig. Meine Laune wurde immer schlechter. Ich nuschelte mir einiges in den Bart, wie man es so nennt.

Dann sagte er zu mir: “Ihren Zettel für die Fahrtkosten fülle ich aus.” Dann durfte ich endlich gehen. Seine Kommentare bei jedem notierten Punkt konnte ich nicht nachvollziehen.
Den Fahrtkostenerstattungsantrag hatte ich an die Rentenversicherung Bund geschickt. Den bekam ich wieder zurück mit einem Brief. „Bitte reichen sie ihre Auslagen bei ihrem zuständigen Grundsicherungsamt ein, weil die es beantragt haben.”
Jetzt ist das Grundsicherungsamt zuständig.

Nach sieben Wochen immer noch keine Antwort. Weder Neuro, noch Hausarzt.

Beate

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