Probieren geht über studieren

Ich hatte mit meinem Neurologen damals einen echten Glücksgriff getan, nach dem Motto „Ein blindes Huhn findet auch mal ‘n Korn“.

Es erstaunte mich, als ich erfuhr, dass er ein Arzt mit Kenntnissen der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ist.
Ich hatte ein breites Grinsen im Gesicht. Buchstaben flossen damals aus der Öffnung unterhalb meiner Nase, die sich zu einem Satz zusammensetzten und mich irgendwie in ein kleines Fettnäpfchen treten ließen: „Das sagen Sie erst jetzt?“.
Homöopathie, wie man es so schön nennt, ist eben keine Kassenleistung.
Pack mal einem nackten Mann in die Hosentasche, nichts drin!
Die Krankenkassen waren 2012/2013 noch nicht so aufgeschlossen. Es war auch eine Ermessenssache des jeweiligen Sachbearbeiters. Es hieß doch, dass die wichtigen Tabletten, die mir Sicherheit und Zuversicht gaben, ihren Zweck erfüllten.

Das Besondere an der fernöstlichen Medizin ist sicher, dass hier Körper, Geist und Seele als untrennbare Einheit betrachtet wird.
Anders als in der westlichen Medizin: Der Körper wird in Einzelteile zerlegt und punktuell behandelt. An die Vorstellung, dass beispielsweise Schwindel mit dem unteren Rücken oder Herzprobleme mit dem Magen zu tun haben können, verschwendet man selten einen Gedanken,
frei nach dem Motto „Wo tut es denn weh?“
Der „Rest“ wird nicht beachtet und damit werden die hintergründigen Ursachen von Beschwerden nicht erkannt.
Wie oft habe ich den Satz “Da können wir nichts mehr tun, damit müssen Sie leben.“ gehört?
Wenn man es aber nicht akzeptiert und etwas tun möchte gegen die Begleiterscheinungen der Parkinsonmedikamente, kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass es sich lohnt, es zu versuchen und sich auf die Hinterbeine zu stellen.

Ich mache mir Gedanken darüber, wie ich meine Gesundheit noch fördern könnte, damit es uns weiterhin gut geht. Der Körper ist das Zuhause meines Parkinson, fühlt er sich wohl, fühlen wir uns wohl.
Es gibt so viele Nahrungsergänzungsmittel in der Apotheke, die man aber ohne Rücksprache mit dem behandelten Arzt nicht nehmen sollte, damit die Wirkung der Parkinsonmedikamente nicht beeinflusst wird.

Die Entscheidung, die TCM in meinen Behandlungsplan zu integrieren, fiel mir nicht schwer. Wenn man den Arzt gefunden hat, der diese Art der Medizin und deren richtige Anwendung beherrscht, wird man überrascht sein, wie die dazu gehörenden Untersuchungen ablaufen. Nicht nur in China heißt es, dass ein guter Arzt durch ausführliche Befragung und aufmerksame Beobachtung wichtige Hinweise über den Gesundheitszustand des Patienten erhält.

In der TCM sind zusätzlich Puls- und Zungendiagnostik unverzichtbare Bestandteile der Untersuchung. Wurde eine Diagnose gestellt und die Therapie begonnen, wundert man sich doch etwas über die Art und Auswirkungen. Denn sie wirkt auf den gesamten Organismus.
Die Chinesische Medizin verfolgt seit Jahrtausenden das Ziel, den Menschen in einen Zustand von Harmonie und damit Gesundheit zu bringen. Um dieses Ziel zu erreichen, werden verschiedene Therapiebereiche kombiniert, wie zum Beispiel Diätetik (richtige Ernährung) und Bewegung, Entspannung und Meditation. Diese Maßnahmen richten sich immer auf die Mobilisierung der Selbstheilungskraft des Menschen. Die alte chinesische Heilkunst besteht aus einem umfassenden und komplizierten Medizinsystem das immer den Menschen als Ganzes im Blick hat. Ein Arzt mit diesem Wissen betrachtet nicht nur den kranken Teil des Körpers, sondern bezieht auch andere Körperbereiche, Geist, Seele, emotionale Situation und Umweltfaktoren in die Untersuchung mit ein, um dadurch möglichst viele Informationen über die Erkrankung zu bekommen.

Im Vergleich zu unserer hochtechnisierten westlichen Medizin, auf die wir nicht verzichten sollen, können und wollen, kommt der TCM – Arzt mit einfacheren Mitteln aus. Aus den verschiedenen diagnostischen Methoden Befragen, Hören, Sehen, Tasten und einer gründlichen körperlichen Untersuchung folgt die Diagnose nach der chinesischen Medizin. Bei irgendwelchen Zweifeln sollte vor einer Behandlung aber auch immer das Spektrum der schulmedizinischen Diagnostik ausgenutzt werden. Ich habe festgestellt, dass es nichts schadet, sich über diese Art der Behandlungen zu informieren. Wenn man Glück hat, trifft man einen Menschen, der über seine Erfahrungen berichten kann. Wenn der Entschluss feststeht, sich auf diese Behandlungen einzulassen, sollte man wissen, dass eine Erstverschlimmerung eintreten kann.

Ich hatte mich damals für die Akupunktur und die Kräuterlinge der TCM entschieden und bin froh darüber, denn aufgrund der Tatsache, dass alles so gut “angeschlagen” hatte, konnte ich noch auf Levo-Dopa verzichten. Meine Lebensqualität hatte sich erheblich verbessert.
Die Bewegungstherapie, die ich in meinen Alltag einzubinden versuche, setzt sich zusammen aus Tai Chi, Qigong, Chi Running und Yoga.
Nach ca. vier Jahren ließ die Wirkung der Kräuterlinge nach und wir beschlossen, diese abzusetzen. Wie bei den herkömmlichen Medikamenten ist auch hier nach einer gewissen Zeit eine Umstellung notwendig.

Ich bin froh, dass ich diese Jahre ohne Levo-Dopa hatte.
Ich habe vor ca. zehn Jahren mit Bachblüten begonnen. Die Behandlung wird stets individuell abgestimmt. In meiner Handtasche befindet sich immer eine kleines Fläschchen Rescue- Bachblüten-Tropfen. Sie ersetzen in Stresssituationen Madopar LT.

In den vergangen Monaten hatte ich Schmerzen, auf einer Skala von eins bis zehn gefühlt bei zehn. Das tolle hochgepriesene Schmerzmittel „IBU600“ half nicht mehr und der Magenschutz, den ich dazu bekam, löste Magenschmerzen und Sodbrennen aus. Meine Muskeln waren teilweise so steif, dass sie weh getan haben. Was tun? Eine gute Seele, die es heutzutage noch selten gibt, erinnerte mich an ein altes Hausmittel, „Kaiser Natron“. Ich war skeptisch, denn ich kannte es nur als Backtriebmittel und Bleiche für Gardinen. Ich wurde eines Besseren belehrt. Heute wird es auch mit Geschmacksstoffen als Basenpräparat verkauft, um ein Vielfaches teurer als das Haushaltsnatron.

Jetzt kommt der Clou! Nichts ahnend gehe ich in die Drogerieabteilung eines Kaufhauses und da steht Kaiser Natron in Tablettenform zum Einnehmen für weniger als zwei Euro. Ich nehme es am Abend nach Vorschrift alle zwei Tage. Meine Muskelsteifheit am Morgen ist nicht mehr so schlimm und das Sodbrennen ist weg.

Die ältere Generation kennt sich vielleicht nicht mit Computern und moderner Technik aus, doch bei Hausmitteln macht ihnen so schnell keiner was vor.
Was habe ich zu verlieren? Nichts! Denn krank bin ich ja schon.
Wo ein Ende …da auch ein neuer Anfang.
Beate

Von teamdopamin

Hallo, wir sind Christoph aus Dortmund und May aus Hamburg. Wir wollen über Morbus Parkinson informieren und aufzeigen, wie vielseitig die Erkrankung und der Umgang damit sein kann – aus der Sicht der Betroffenen selbst. Übrigens: Wir sind beide selbst an Parkinson erkrankt.