Persönlichkeiten

„Diese Therapie wird Ihre Lebensqualität verbessern“.

Ich sah den Professor, der mir hinter einem großen alten Schreibtisch entfernt gegenüber saß, verwundert an. Hatte ich nicht gerade in meinem mündlichen Krankheitsbericht, den ich zu geben aufgefordert war, ausdrücklich betont, dass ich keinen großen Verlust an Lebensqualität zu beklagen habe?

Standen die Notizen, die der freundliche ältere Herr, bei dem ich zu einem Beratungsgespräch eingeladen war, um die therapeutischen Optionen meiner Parkinsonerkrankung zu diskutieren, gar nicht im Zusammenhang mit meinem Vortrag?

Mein Gesprächspartner war viel zu weit entfernt von mir, als dass ich hätte sehen können, was er da aufschrieb. Mein Verdacht, dass die Aufzeichnungen nichts mit mir zu tun haben könnten, ließ sich jedoch nicht so einfach aus meinem Kopf vertreiben, als ich sah, dass der Name, der in großen Buchstaben auf dem Aktendeckel stand, nicht der meine war.

„Die Operation wird die Erkrankung nicht beenden, sie wird einen positiven Einfluss auf die Symptome nehmen“, vernahm ich aus seinem Mund. Warum sagt er mir das jetzt? Habe ich nicht gerade in meinem Bericht ausgeführt, dass ich Mitglied eines online geführten Selbsthilfevereins bin und sich durch den jahrelangen Kontakt zu Parkinson Patienten, mit und ohne THS, bereits ein solides Basiswissen zu diesem Thema bei mir aufgebaut hat? Mann, der hört mir überhaupt nicht zu!

Erst will er meine Lebensqualität verbessern, von der ich sage, dass sie okay ist. Dann werde ich hier mit dem Erstklässlerwissen zum Thema THS konfrontiert, wobei ich jedoch die Schule längst verlassen habe. Und überhaupt, ich finde es anmaßend zu glauben, man könne etwas aussagen über die Lebensqualität von Dritten! Niemand außer mir weiß, welche Parameter die persönliche Lebensqualität kontrollieren. Ein Urteil über Andere steht niemandem zu, sagt mir mein inzwischen etwas genervter Kopf.

Ich weiß ja, dass der Herr Professor, der da vorne hinter seinem Schreibtisch sitzt und mich anschaut, schon viele Patienten beraten und seine Erfahrung hat, es wohl auch eher der seltenere Fall ist, einem Patienten nicht erklären zu müssen, dass THS für „Tiefe Hirn Stimulation“ steht. Ich kenne sogar den englischen Titel „DBS“ und das steht für „Deep Brain Stimulation“. Dennoch, mir schwillt der Kamm, jeder Mensch ist ein Individuum und will individuell behandelt werden. Nein, Herr Professor, hier sind wir nicht auf Augenhöhe…

Beim Abschied reicht mir der freundliche ältere Mann die Mappe mit den Notizen und er bittet mich, das Beratungsprotokoll zu „reviewen“ und mein „sign on“ zu geben. Er steht auf, kommt um den Schreibtisch herum und gibt mir die Hand. Beim Abschied sehe ich, dass er Filzpantoffeln trägt. Ich habe das Gefühl, ich müsste mich entschuldigen. Das Protokoll ist stimmig, individuell und richtig, eben professionell.

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Von teamdopamin

Hallo, wir sind Christoph aus Dortmund und May aus Hamburg. Wir wollen über Morbus Parkinson informieren und aufzeigen, wie vielseitig die Erkrankung und der Umgang damit sein kann – aus der Sicht der Betroffenen selbst. Übrigens: Wir sind beide selbst an Parkinson erkrankt.