Mit den Augen einer Angehörigen (1 / 3)

Ich bin die Ehefrau eines Parkinsonkranken und möchte die Zeit schildern, zu der alles begann.
Mein Mann ist 15 Jahre älter als ich, aber das merkte man selten, er war immer ein sehr jugendlicher Typ, an der Uni tätig, mit Studenten und den neuesten physikalischen Experimenten betraut. Er konnte auch immer mehrere Sachen gleichzeitig machen (was angeblich nur Frauen können) und das unter hohem Stress. Allerdings plagten ihn immer mal wieder Rückenschmerzen, die er aber gut mit Rückengymnastik (Uni-Sport!) in den Griff bekam. Ich habe da immer mitgemacht, weil es so viel Spaß machte und einen so kräftigen Rücken bekommen, dass ich meinen Mann bei der Hochzeit zum Spaß über die Schwelle getragen habe (er war aber auch immer sehr schlank!). Jedenfalls war alles toll, 2 Kinder, 1 Haus und viele tolle Urlaube mit dem Wohnmobil und Alpenwanderungen…

Dann fiel mir auf, dass mein Mann beim Wandern kleinere Schritte machte (also etwa so groß wie ich), aber mit 55 ist das vielleicht normal? Außerdem hatte er zunehmend Probleme beim Sex, was für mich mit 40 nicht so toll war. Nachts hatte er manchmal Alpträume und schrie auf oder schlug um sich. Und beim Einschlafen zuckte er ziemlich viel. Auch interpretierte er manche Gerüche ganz anders als ich oder roch sie nicht (aber angeblich können Frauen ja sowieso besser riechen). Mit Ende 50 war überdeutlich, dass etwas nicht stimmte, denn er schleifte den rechten Wanderstock mehr hinter sich her, als dass er ihn benutzte. Im Schnee war das gut zu sehen, aber er wunderte sich kaum darüber. Ich hatte mehrere Jahre das Gefühl, dass etwas nicht stimmte, zumal mein Mann auch depressiv wirkte, aber auch dafür gab es äußere Gründe (neuer Chef, Umzug der Uni, alles, was meinem Mann überhaupt nicht gefiel). Unser Hausarzt kannte ja alle seine Zipperlein und nahm sie in Gänze nicht ernst. Doch dann kam der Tag, an dem mein Mann beim Unterschreiben der vielen “Scheine” für die Studenten am Ende eines Praktikums unter Stress seine Unterschrift nicht mehr leisten konnte. Da war er plötzlich verzweifelt und ich schickte ihn zum Hausarzt. Der hat das gleich als “Mikrographie” gedeutet und gemeint, dass es Parkinson sein könnte, ihm aber keine Überweisung zum Neurologen gegeben. Das hat mich natürlich sehr wütend gemacht und ich habe die Überweisung am nächsten Tag eingefordert.

Helia