Mit dem Fahrrad über die Alpen (Teil 3/ 3)

Obwohl es stetig bergauf geht, lässt sich der Weg zum Brenner auf der alten Römerstraße ganz entspannt befahren. Ich genieße die frühsommerliche Brise, die mir den Duft von frischem Heu entgegenweht und hänge so meinen Gedanken nach. Meine Bewegungen jetzt sind rund, gleichmäßig, kräftig und präzise. Mit jeder Umdrehung spüre ich, wie die Kraft meiner Beine mich vorwärts trägt, der Widerstand, der sich mir durch die Steigung entgegenstellt, nicht in der Lage ist, mich aufzuhalten..Es ist ein wunderbares Gefühl so dahin zu fliegen….

Ich versuche gar nicht erst zu erklären, warum Parkinson mir manchmal diesen Freiraum lässt, mir bislang nicht folgen konnte, in diese Nische. Ich suche nicht nach Antworten, warum ich Radfahren kann, wenn mir andere Bewegungen längst schwer fallen, ich suche nicht, denn eine schlüssige Antwort werde ich nicht finden.

Warum machst du das eigentlich? Wem willst du was beweisen? Ist so eine Anstrengung bei deiner Krankheit nicht schädlich? Fragen, die mir so durch den Kopf wandern, Fragen, zu denen mir jetzt die Konzentration fehlt, um eine Antwort zu suchen, Fragen, über die ich nie wirklich nachgedacht habe und somit nie beantwortet habe. Die einzige Antwort, die ich geben kann ist, wenn ich diese bis an die tiefe Substanz reichenden Herausforderungen nie angenommen hätte, dann wäre ich um ein ganz wertvolles und individuelles Element meines Lebens ärmer geblieben. Ja, es ist schon verrückt, sich als ein Parkinson-Patient mit einer 20-jährigen Krankengeschichte solchen extremen Strapazen auszusetzen. Ja, es ist verrückt, nie habe ich eine bessere Antwort gefunden, eigentlich auch nie danach gesucht.

Keuchend und eigentlich ausgepowert hänge ich nach drei Stunden erbarmungslosen Anstieges am Berg. Weit oben ist inzwischen das Ziel zu sehen, auch wenn es noch acht Kilometer entfernt liegt. Ich stehe am Straßenrand, habe den Kopf auf die den Lenker umfassenden Arme gelegt und bin am Leistungslimit. Ich weiß, dass ich jederzeit von meinen Begleitern abgeholt werden kann. Ich weiß auch, dass es mir viel schwerer fällt als in den letzten Jahren, mich immer wieder zu motivieren und die Balance zu finden zwischen Überforderung und einschätzen der eigenen Kräfte. Ich weiß aber auch, in welche Frustration ich fallen würde, wenn ich jetzt aufgeben würde. Nein, ich werde mich disziplinieren, werde so schonend wie möglich meine Fahrt fortsetzen, werde mit dem Fahrrad auf dem Gipfel ankommen, dieses Glücksgefühl erleben, es geschafft zu haben,ein einziges Mal noch, bitte ein letztes Mal.

In der kleinsten Übersetzung kurbele ich mich Umdrehung für Umdrehung, Meter um Meter, diesen nicht enden wollenden Berg hinauf. Ich zähle die Umdrehungen mit. Kann am Stück noch vielleicht 300 m fahren, dann Pause. Das Weiterkommen fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Die letzten 200 m fahre ich, obwohl meine Waden krampfen, immer weiter, jetzt nicht aufhören, nur kurbeln, kurbeln, kurbeln,

Dann ist es geschafft, ich stehe auf dem 2211 m hohen Penser Joch.

Einer meiner Begleiter kommt auf mich zu, will gratulieren und Fotos machen. Ich schicke sie alle weg, will jetzt meine Ruhe, will allein sein mit mir und die Stille genießen. Allein sein mit mir, um Adieu zu sagen von Empfindungen, die sich wohl nie richtig mit Worten beschreiben lassen, man muss sie erlebt haben. Selbstbestimmt aufzuhören und ein letztes Mal “Adieu” zusagen, bevor mir das Schicksal und die Zeit das Ende diktieren, das war es, das war ich mir schuldig. Ein letztes Mal …Adieu und …Danke.

So ziehe ich denn nun hier einen Schlussstrich und erinnere mich daran, dass ich oft gesagt habe, dass, wenn irgendetwas zu Ende geht, sich auch die Chance für was Anderes, was Neues ergibt. Jetzt kann ich beweisen, dass dieser Gedanke lebt.

Meine Begleiter haben verstanden, was in mir vorging. Jetzt ist es Zeit, ihre Glückwünsche anzunehmen. Gemeinsam ruhen wir im einfachen Bergrestaurant aus. Machen ein paar Fotos und beschließen die Abfahrt über die Südseite mit dem Ziel Bozen.

Welche Ziele und welche Herausforderungen mich zukünftig erwarten, ich weiß es nicht, ich lasse diese Frage offen. Ich werde sie mitbestimmen und ich werde sie annehmen.

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