Mit dem Fahrrad über die Alpen (Teil 1/ 3)

Mit dem Fahrrad auf den höchsten Straßen Europas unterwegs. Mit eigener Kraft über alle Berge klettern. Die Zeitschrift Roadbike schrieb „Es ist die Königsdisziplin für alle Rennradfahrer und ein Traum für alle Radverrückten“.

Alles, was ich da las, kann ich nachvollziehen, finde mich wieder in den Berichten, vom Schweiß und Schmerzen und dem Glücksgefühl mit dem Rad am Passschild angekommen zu sein. Vielleicht waren alle berichtenden Gipfelstürmer ein bisschen schneller als ich und vielleicht haben sie weniger Pausen für den Aufstieg gebraucht.

Trotzdem, ich reihe mich ein in die Riege der Radfahrer, die auch die steilsten Pässe als befahrbare Herausforderung und nicht als unüberwindbare Hürde sehen. Ich weiß, was es bedeutet bis zu 40 km steil bergauf zu fahren und habe Respekt vor jedem, der diese sportliche Herausforderung annimmt und sich den Berg hochbeißt. Dennoch gibt es einen gravierenden Unterschied zu mir, der mit einem Wort erklärt ist: „Parkinson“.

Aufstieg zum Timmelsjoch

– Erinnerungen –

Kurz hinter dem Ortsausgang von Hochgurgl ist die Mautstation. Jeder, der weiter nach oben will, muss jetzt bezahlen. Radfahrer sind ausgenommen. Ich darf ohne Eintritt zum Timmelsjoch.

Überhaupt nicht glücklich bin ich über den jetzigen Streckenverlauf, denn es geht recht steil bergab. Ich verliere ca. 200 Höhenmeter! Freuen kann ich mich über die lang gezogene Abfahrt, die quasi um einen Berg herumführt, nicht. Hinter dem Berg nimmt der jetzt kalte Wind zu und es beginnt zu regnen. Die Baumgrenze ist erreicht, rechts und links der Strecke, die wieder steil ansteigt, nur Steine, Geröll und karge Flechten. Ich schaue hoch und sehe den Straßenverlauf irgendwo in den tief hängenden Wolken verschwinden. Mir frieren die Hände und meine Kleidung ist schwer und nass vom Regen. Wenn nur der ekelhafte Gegenwind nicht so stark wäre.

Die Steigung beträgt jetzt irgendwo zwischen 12 und 14 %. Ich bin so langsam, dass ich Schwierigkeiten habe, im Gleichgewicht zu bleiben und nicht vom Wind von der Fahrbahn gedrängt zu werden. Ich fahre am persönlichen Limit. Die Weiterfahrt ist eine reine Frage des Wollens geworden. In diesem Mistwetter erkenne ich plötzlich am Fahrbahnrand unser Auto, Gisela hat erkannt, dass ich angesichts der Wetterverhältnisse Schwierigkeiten haben würde. Nehme den warmen Platz im Auto gern an um aufzutauen und zu rasten. Gisela fragt, ob ich nicht das Fahrrad einladen wolle, um mit ihr weiter zu fahren- sie stellt die Frage, obwohl sie die Antwort kennt.

Das Thermometer im Auto zeigt eine Außentemperatur von 3,5 Grad Celsius. Ich stecke meine Hände in Plastikbeutel. Wenn die Finger nicht nass werden, dann frieren sie auch nicht so. Gisela will in der nächsten Kehre wieder halten, ich nehme das Angebot an und fahre so gut ich kann hinterher. Manchmal hilft es, im Stehen zu fahren, jetzt nicht, ich komme nicht mehr aus dem Sattel, muss einige Verschnaufpausen einlegen, bis ich in einer der nächsten Kurven erneut unser Auto sehe. Ich muss aufpassen, beim Anhalten nicht zu fallen.

Von hier noch etwa zwei km. Die Frage nach Aufgabe wiederholt Gisela, ich meine Antwort auch. Habe zwar versprochen, nichts Unüberlegtes zu tun….. ist es noch vernünftig weiterzufahren? Ich widerstehe dem Angebot, das Fahrrad einzupacken und quäle mich mühsam weiter. Ich weiß um die eigene Enttäuschung, wenn ich jetzt abbrechen würde.

Click

Mit dem Fahrrad über die Alpen (Teil 2 / 3)