Meine Geschichte ist anders (Teil 2 /2)

Dennoch war ich ausgesprochen unglücklich an diesem Institut für angewandte Psychologie, wo der Studiengang Berufsberatung angeboten wurde. Es funktionierte wie eine Schule und wir, alle Erwachsene mit Berufserfahrung, wurden wie Schüler behandelt. Mir fehlten die Intellektualität und die Freiheit der Uni.

Ein erneuter Wechsel zurück zu Geschichte an der Uni wurde fällig, dieses Mal kombiniert mit Englisch. Ich war nur mir selber verantwortlich, meine Eltern waren schon vor Jahren beide nach einem Unfall gestorben und ich verdiente mir das Studium als Aushilfslehrerin. Dennoch geißelte ich mich innerlich und sah dieses zunehmend beengende Körpergefühl im Zusammenhang mit meiner Unentschlossenheit und Unstetigkeit im Ausbildungsbereich.

Natürlich war ich in ärztlicher Behandlung, natürlich wusste ich schon eine Weile, dass mit mir gesundheitlich etwas nicht stimmte und selbstverständlich hatte ich ein Gefühl dafür, wo der Ort meiner Störung lag.

Zu meinem Arzt sagte ich: «Ich glaube, das geht alles vom Gehirn aus. »Darauf erwiderte er lachend: «Ja, wenn sie dreißig Jahre älter wären, dann könnte das sein, aber in Ihrem Alter gibt es das nicht.»

Meine leichte Ermüdbarkeit, mein Unvermögen, Entscheidungen in die Tat umzusetzen, eine alles betreffende Ungeschicklichkeit und schließlich im Frühsommer 1983 eine tief graue Depression lähmten mich völlig und bremsten mein Studium aus. Ich saß tagelang in meiner kleinen Küche und legte Patience, eins nach dem andern.

Mein Arzt hatte mir Physiotherapie für die verspannten Muskeln verschrieben, Fangopackungen und Dehnungsübungen. Aber die Muskelschmerzen wurden immer schlimmer und ich wurde immer langsamer. Innerhalb eines Jahres hatte ich 15 kg abgenommen. Endlich realisierte mein Arzt, dass mir mit Physiotherapie alleine nicht geholfen war.

Als ich wusste, dass meine nächste Station der Neurologe war, ging ich in der Stadtbibliothek vorbei und holte eine Einführung in die Neurologie für Medizinstudenten. Schon beim Durchblättern sah ich mein Krankheitsbild im wörtlichen Sinn. Da stand ein alter Mann, in die Knie gesunken, vornübergebeugt, den Kopf nach vorne gestreckt, die Arme am Körper angewinkelt. Seine Stellung und sein Gesicht sprachen von der Mühseligkeit seiner Existenz. Das war, was ich erfuhr, was mich plagte. Über dem Bild stand Morbus Parkinson.

Hat es mich traurig oder wütend gemacht, diese Diagnose vom Neurologen bestätigt zu bekommIch weinte, als ich es erfuhr, aber es war auch sehr erlösend, endlich zu wissen! Ich fuhr nach Hause und informierte meine Freunde. Die schlimmste Zeit meines Lebens ging mit der Diagnose zu Ende.

Ich durfte einen Namen benutzen für mein Leiden und es gab eine Therapie. Und auch wenn die Krankheit für eine Frau unter 30 nicht passend und die Therapie nur Symptombehandlung war, ich entwickelte eine Art Stolz darauf. Jawohl, ich hatte Parkinson und ja, ich werde mein Leben damit verbringen.

Und so verbrachte ich jeden Tag der 33 Jahre, die seither vergangen sind mit Parkinson. Ihn leugnend, ihn erkennend, ihn verdammend, ihn hassend, immer wieder mit anderen Gefühlen. Ich realisierte schnell, dass die Krankheit nicht mein Feind war und dass ich sie nicht vertuschen musste.

Seren