Meine Geschichte ist anders (Teil 1 / 2)

Und sicher ist auch mein Parkinson anders. Vielleicht denkt das jeder. Wahrscheinlich.

Parkinson ist mit mir seit mehr als 36 Jahren, jeden Tag, jeden Augenblick.

Es ging eine Weile, bis ich es wahrnahm, denn es kam auf samtigen Pfoten. Im Alter von knapp 24 Jahren wurde mir dessen bewusst und ich hielt es in einem locker geführten Tagebuch fest: Ich habe eine motorische Störung!

Meine Schrift hatte sich verändert, war ungelenk, ja krakelig geworden. Langsam und zäh schrieb ich in den Vorlesungen mit. Ich ermüdete bei allem ungewöhnlich schnell und mein Gang wurde schleppend. Damals waren diese Symptome vor allem bei Belastungen sichtbar: Nach einer durchzechten Nacht, am Ende eines anstrengenden Tages. Aber mit der Zeit wurde mein Alltag immer anstrengender.

Ich stieß auch häufig beim normalen Gehen mit der Fußspitze gegen den Asphalt, alle meine Schuhe hatten mittlerweile abgeschabte Spitzen. Mehr und mehr versuchte ich meine Bewegungen zu analysieren: Da war dieses Gefühl mit angezogenen Bremsen zu laufen. Ich merkte auch, dass mir das Abrollen des Fußes nicht mehr gelang, ich setzte den Fuß mehr und mehr flach auf den Boden auf. Das war kein Problem beim Treppensteigen und im Laufschritt, machte aber normales Gehen geradeaus sehr mühsam und unharmonisch. Folgender Dialog entwickelte sich unangenehm häufig:

–           «Bist du verletzt?»

–           «Nein, warum?»

–           «Du ziehst das rechte Bein nach?”

Zunächst sah ich diese Veränderungen in Zusammenhang mit meiner Orientierungslosigkeit in meinem jungen Leben. Ich war unstet: Hatte meinen Grundschullehrerinnenjob verlassen um Italienisch und Geschichte zu studieren. Die lose unverbindliche Struktur der Uni aber überforderte mich völlig. Meine Herkunft aus einer bildungsfernen Familie ließ mich nicht in Ruhe studieren. Sehr bald nach anfänglicher Begeisterung befielen mich Zweifel. War ich wirklich gescheit und begabt genug diesen Weg zu gehen? Konnte ich mich über Jahre mit Büchern, Thesen und Ideen beschäftigen. Musste ich nicht etwas Handfesteres lernen, etwas, was meinem Leben Sinn geben würde?

Ich stieß auf eine Ausbildung zur Berufsberaterin. Keine schlechte Wahl, denke ich noch heute. Ich habe eine Begabung dafür, Menschen in ihrem Potential einzuschätzen und ihnen Ideen zu geben, in welchem Feld sie dieses verwirklichen könnten.

Seren