Meine Geschichte ist anders

Und sicher ist auch mein Parkinson anders. Vielleicht denkt das jeder. Wahrscheinlich.

Parkinson ist mit mir seit mehr als 36 Jahren, jeden Tag, jeden Augenblick.

Es ging eine Weile, bis ich es wahrnahm, denn es kam auf samtigen Pfoten. Im Alter von knapp 24 Jahren wurde mir dessen bewusst und ich hielt es in einem locker geführten Tagebuch fest: Ich habe eine motorische Störung!

Meine Schrift hatte sich verändert, war ungelenk, ja krakelig geworden. Langsam und zäh schrieb ich in den Vorlesungen mit. Ich ermüdete bei allem ungewöhnlich schnell und mein Gang wurde schleppend. Damals waren diese Symptome vor allem bei Belastungen sichtbar: Nach einer durchzechten Nacht, am Ende eines anstrengenden Tages. Aber mit der Zeit wurde mein Alltag immer anstrengender.

Ich stieß auch häufig beim normalen Gehen mit der Fußspitze gegen den Asphalt, alle meine Schuhe hatten mittlerweile abgeschabte Spitzen. Mehr und mehr versuchte ich meine Bewegungen zu analysieren: Da war dieses Gefühl mit angezogenen Bremsen zu laufen. Ich merkte auch, dass mir das Abrollen des Fußes nicht mehr gelang, ich setzte den Fuß mehr und mehr flach auf den Boden auf. Das war kein Problem beim Treppensteigen und im Laufschritt, machte aber normales Gehen geradeaus sehr mühsam und unharmonisch. Folgender Dialog entwickelte sich unangenehm häufig:

–           «Bist du verletzt?»

–           «Nein, warum?»

–           «Du ziehst das rechte Bein nach?“

Zunächst sah ich diese Veränderungen in Zusammenhang mit meiner Orientierungslosigkeit in meinem jungen Leben. Ich war unstet: Hatte meinen Grundschullehrerinnenjob verlassen um Italienisch und Geschichte zu studieren. Die lose unverbindliche Struktur der Uni aber überforderte mich völlig. Meine Herkunft aus einer bildungsfernen Familie ließ mich nicht in Ruhe studieren. Sehr bald nach anfänglicher Begeisterung befielen mich Zweifel. War ich wirklich gescheit und begabt genug diesen Weg zu gehen? Konnte ich mich über Jahre mit Büchern, Thesen und Ideen beschäftigen. Musste ich nicht etwas Handfesteres lernen, etwas, was meinem Leben Sinn geben würde?

Ich stieß auf eine Ausbildung zur Berufsberaterin. Keine schlechte Wahl, denke ich noch heute. Ich habe eine Begabung dafür, Menschen in ihrem Potential einzuschätzen und ihnen Ideen zu geben, in welchem Feld sie dieses verwirklichen könnten.

Dennoch war ich ausgesprochen unglücklich an diesem Institut für angewandte Psychologie, wo der Studiengang Berufsberatung angeboten wurde. Es funktionierte wie eine Schule und wir, alle Erwachsene mit Berufserfahrung, wurden wie Schüler behandelt. Mir fehlten die Intellektualität und die Freiheit der Uni.

Ein erneuter Wechsel zurück zu Geschichte an der Uni wurde fällig, dieses Mal kombiniert mit Englisch. Ich war nur mir selber verantwortlich, meine Eltern waren schon vor Jahren beide nach einem Unfall gestorben und ich verdiente mir das Studium als Aushilfslehrerin. Dennoch geißelte ich mich innerlich und sah dieses zunehmend beengende Körpergefühl im Zusammenhang mit meiner Unentschlossenheit und Unstetigkeit im Ausbildungsbereich.

Natürlich war ich in ärztlicher Behandlung, natürlich wusste ich schon eine Weile, dass mit mir gesundheitlich etwas nicht stimmte und selbstverständlich hatte ich ein Gefühl dafür, wo der Ort meiner Störung lag.

Zu meinem Arzt sagte ich: «Ich glaube, das geht alles vom Gehirn aus. »Darauf erwiderte er lachend: «Ja, wenn sie dreißig Jahre älter wären, dann könnte das sein, aber in Ihrem Alter gibt es das nicht.»

Meine leichte Ermüdbarkeit, mein Unvermögen, Entscheidungen in die Tat umzusetzen, eine alles betreffende Ungeschicklichkeit und schließlich im Frühsommer 1983 eine tief graue Depression lähmten mich völlig und bremsten mein Studium aus. Ich saß tagelang in meiner kleinen Küche und legte Patience, eins nach dem andern.

Mein Arzt hatte mir Physiotherapie für die verspannten Muskeln verschrieben, Fangopackungen und Dehnungsübungen. Aber die Muskelschmerzen wurden immer schlimmer und ich wurde immer langsamer. Innerhalb eines Jahres hatte ich 15 kg abgenommen. Endlich realisierte mein Arzt, dass mir mit Physiotherapie alleine nicht geholfen war.

Als ich wusste, dass meine nächste Station der Neurologe war, ging ich in der Stadtbibliothek vorbei und holte eine Einführung in die Neurologie für Medizinstudenten. Schon beim Durchblättern sah ich mein Krankheitsbild im wörtlichen Sinn. Da stand ein alter Mann, in die Knie gesunken, vornübergebeugt, den Kopf nach vorne gestreckt, die Arme am Körper angewinkelt. Seine Stellung und sein Gesicht sprachen von der Mühseligkeit seiner Existenz. Das war, was ich erfuhr, was mich plagte. Über dem Bild stand Morbus Parkinson.

Hat es mich traurig oder wütend gemacht, diese Diagnose vom Neurologen bestätigt zu bekommIch weinte, als ich es erfuhr, aber es war auch sehr erlösend, endlich zu wissen! Ich fuhr nach Hause und informierte meine Freunde. Die schlimmste Zeit meines Lebens ging mit der Diagnose zu Ende.

Ich durfte einen Namen benutzen für mein Leiden und es gab eine Therapie. Und auch wenn die Krankheit für eine Frau unter 30 nicht passend und die Therapie nur Symptombehandlung war, ich entwickelte eine Art Stolz darauf. Jawohl, ich hatte Parkinson und ja, ich werde mein Leben damit verbringen.

Und so verbrachte ich jeden Tag der 33 Jahre, die seither vergangen sind mit Parkinson. Ihn leugnend, ihn erkennend, ihn verdammend, ihn hassend, immer wieder mit anderen Gefühlen. Ich realisierte schnell, dass die Krankheit nicht mein Feind war und dass ich sie nicht vertuschen musste.

Dennoch war ich ausgesprochen unglücklich an diesem Institut für angewandte Psychologie, wo der Studiengang Berufsberatung angeboten wurde. Es funktionierte wie eine Schule und wir, alle Erwachsene mit Berufserfahrung, wurden wie Schüler behandelt. Mir fehlten die Intellektualität und die Freiheit der Uni.

Ein erneuter Wechsel zurück zu Geschichte an der Uni wurde fällig, dieses Mal kombiniert mit Englisch. Ich war nur mir selber verantwortlich, meine Eltern waren schon vor Jahren beide nach einem Unfall gestorben und ich verdiente mir das Studium als Aushilfslehrerin. Dennoch geißelte ich mich innerlich und sah dieses zunehmend beengende Körpergefühl im Zusammenhang mit meiner Unentschlossenheit und Unstetigkeit im Ausbildungsbereich.

Natürlich war ich in ärztlicher Behandlung, natürlich wusste ich schon eine Weile, dass mit mir gesundheitlich etwas nicht stimmte und selbstverständlich hatte ich ein Gefühl dafür, wo der Ort meiner Störung lag.

Zu meinem Arzt sagte ich: «Ich glaube, das geht alles vom Gehirn aus. »Darauf erwiderte er lachend: «Ja, wenn sie dreißig Jahre älter wären, dann könnte das sein, aber in Ihrem Alter gibt es das nicht.»

Meine leichte Ermüdbarkeit, mein Unvermögen, Entscheidungen in die Tat umzusetzen, eine alles betreffende Ungeschicklichkeit und schließlich im Frühsommer 1983 eine tief graue Depression lähmten mich völlig und bremsten mein Studium aus. Ich saß tagelang in meiner kleinen Küche und legte Patience, eins nach dem andern.

Mein Arzt hatte mir Physiotherapie für die verspannten Muskeln verschrieben, Fangopackungen und Dehnungsübungen. Aber die Muskelschmerzen wurden immer schlimmer und ich wurde immer langsamer. Innerhalb eines Jahres hatte ich 15 kg abgenommen. Endlich realisierte mein Arzt, dass mir mit Physiotherapie alleine nicht geholfen war.

Als ich wusste, dass meine nächste Station der Neurologe war, ging ich in der Stadtbibliothek vorbei und holte eine Einführung in die Neurologie für Medizinstudenten. Schon beim Durchblättern sah ich mein Krankheitsbild im wörtlichen Sinn. Da stand ein alter Mann, in die Knie gesunken, vornübergebeugt, den Kopf nach vorne gestreckt, die Arme am Körper angewinkelt. Seine Stellung und sein Gesicht sprachen von der Mühseligkeit seiner Existenz. Das war, was ich erfuhr, was mich plagte. Über dem Bild stand Morbus Parkinson.

Hat es mich traurig oder wütend gemacht, diese Diagnose vom Neurologen bestätigt zu bekommIch weinte, als ich es erfuhr, aber es war auch sehr erlösend, endlich zu wissen! Ich fuhr nach Hause und informierte meine Freunde. Die schlimmste Zeit meines Lebens ging mit der Diagnose zu Ende.

Ich durfte einen Namen benutzen für mein Leiden und es gab eine Therapie. Und auch wenn die Krankheit für eine Frau unter 30 nicht passend und die Therapie nur Symptombehandlung war, ich entwickelte eine Art Stolz darauf. Jawohl, ich hatte Parkinson und ja, ich werde mein Leben damit verbringen.

Und so verbrachte ich jeden Tag der 33 Jahre, die seither vergangen sind mit Parkinson. Ihn leugnend, ihn erkennend, ihn verdammend, ihn hassend, immer wieder mit anderen Gefühlen. Ich realisierte schnell, dass die Krankheit nicht mein Feind war und dass ich sie nicht vertuschen musste.

Seren

Von teamdopamin

Hallo, wir sind Christoph aus Dortmund und May aus Hamburg. Wir wollen über Morbus Parkinson informieren und aufzeigen, wie vielseitig die Erkrankung und der Umgang damit sein kann – aus der Sicht der Betroffenen selbst. Übrigens: Wir sind beide selbst an Parkinson erkrankt.