Mein Leben mit Mr. Parkinson (9)

Ja, warum geht das denn immer weiter. Wenn ihr jetzt denkt, joa, Katrin hat die Zeit in der Reha ja geholfen, jetzt geht es bergauf, der liegt leider nicht richtig.

Ich kam aus der Reha, eigentlich mehr traurig als froh. Eigentlich wollte ich gar nicht nach Haus. Klar, Canis hätte doch wenigstens ein Punkt der Wiedersehensfreude sein müssen, war er auch irgendwie aber dieser Schutz ,den ich in der Klinik hatte, der war aufgehoben.
Ich kam nach Hause und Dirk hatte mich überrascht. Er hatte den ganzen Flur neu gefliest und tapeziert. Toll sah das aus, eigentlich hätte ich mich doch so sehr freuen können aber es regte sich irgendwie nix bei mir. Natürlich lobte ich ihn aber innere Freude ist was anderes.
Als erstes ging ich mit Canis spazieren bzw Worken! Denn Das wollte ich mir beibehalten. Das tat mir gut und ich war eigentlich in Gedanken in der Heinrich – Heine – Klinik.
Ich ging 2 Tage nach meiner Ankunft wieder zur Arbeit, meine Kollegin wollte auch nicht mehr vertreten. Gerne hätte ich noch ein bisschen ankommen wollen, nach der Zeit aber ich hatte Verständnis. Also ging ich wieder zur Arbeit. Leider nicht lange. Ich erkrankte nach 1 Woche an einer Gürtelrose. Diagnose des Arztes, psychischer Stress. Tja, ich denke, dass lag daran, dass ich einfach mit diesem großen Umschwung nicht klar kam. So war ich wieder krank und das hatte Folgen.
Meine Kollegin hatte keine Lust mehr mich zu vertreten und es gab wieder Querelen, die sich dann richtig hochschaukelten. Es kam, was kommen musste, wir waren wieder dort, wo wir vor einem Jahr waren. Der Chef stand natürlich auf ihrer Seite, klar und ich wollte die Konsequenzen ziehen, ich bat um Umsetzung. Ha, ha die Rechnung hatte ich ohne den Chef gemacht, der stimmte dem nicht zu und so musste ich da weiter machen. Jedoch die Zusammenarbeit war keine mehr mit meiner Kollegin und ich konnte und wollte so nicht mehr weiter machen. Ich zog mich wieder raus.
Mein Sitzungen bei meiner Therapeutin wurden wieder enger und sie gab mir den Rat, mir einen neuen Job zu suchen. Mit 45 Jahren ja klar, ich verdiente nicht schlecht und wo sollte ich als Arzthelferin solch Job finden? Ich blieb erstmal im Krankenstand.
Das Geld wurde immer knapper und Dirk und ich waren jetzt ständig beide zu Hause.
Ich war sehr sehr oft mit Canis spazieren, ihm erzählte ich alle meine Sorgen und ich sprach mit ihm, wie mit einem Freund. Das tat mir gut. Wem sollte ich meine Sorgen erzählen. Es konnte mir doch sowieso keiner helfen. In mir stiegen die Sorgen auf, was sollen wir bloß machen, wie lange können wir das Haus halten. Diese Ängste legten sich natürlich auch auf meine Stimmung. Es gab Streit, in der Familie und auch mit meiner Schwester, ach es war einfach alles verfahren.
Das Einzigste was mich hoch hielt, waren mein Canis und die Sitzungen bei meiner Therapeutin.
Ich bewarb mich schließlich doch, in einem Krankenhaus. Ich hatte auch meinen früheren Chef von meiner Praxiszeit gefragt, ob er mich wieder einstellt aber leider Fehlanzeige.
Joa und siehe da ich bekam aus dem Krankenhaus einen Personalbogen, den ich ausfüllen sollte, mit eventueller Aussicht auf einen Job. Schließlich hatte ich eine vielseitige Ausbildung vom OP bis zum Röntgen. Aber ich musste warten und wir fuhren erstmal in den Urlaub. Den konnten wir uns eigentlich gar nicht leisten aber es war in der Nähe bei Ramona, Canis seiner Züchterin und da waren wir jeden Tag. Mit Ramona konnte ich nicht nur darüber reden sondern auch über meine Sorgen. Das tat so so gut. Wir hatten soviel Spaß mit den Hunden und auch mit der Familie. Da habe ich so schön meine Sorgen vergessen. Vor Dirk hatte ich meine Gefühle versteckt. Ich wollte es ihm nicht noch schwerer machen als es schon war. Er sollte sich einfach wohl fühlen. Und er mochte Ramonas Familie auch sehr gern und er fühlte sich wohl.
Doch jeder Urlaub hatte ein Ende und da waren sie wieder , meine Probleme. ich bekam ständig böse Briefe von der Personalleiterin, wann ich denn wieder gedenke wieder zu arbeiten. Sorgte nicht gerade für Sicherheit in meinen Gefühlen. Ich holte mir auch rechtlichen Rat und dann endlich kam der lang ersehnte Brief und ich hatte ein Vorstellungsgespräch von der Klinik für die Tätigkeit im OP.
Uff, wieder OP, da war ich schon mal aber da war ich 10 Jahre jünger aber besser als gar nichts.
Ich war mega aufgeregt und plötzlich eröffnete man mir dort, sie suche händeringend jemanden für die Dialyse. Häää, Dialyse? Ich hab dann dem Personalchef gesagt, okay, ich kann mir das anschauen, bin offen für alles aber Ahnung hab ich davon nicht. Ich durfte dann auch gleich in der Abteilung vorsprechen und es erschlug mich, piepende Maschinen, Menschen, die krank waren und an Schläuchen hingen und in Betten lagen, dazu hier ein Gesicht einer Mitarbeiterin und da einer Mitarbeiterin. Oh je aber die machten mir dort alle Mut, das lernst du und so sagte ich für ein Probearbeiten zu.
Den Tag werde ich wohl nie in meinem Leben vergessen. Ich glaube ich hab mich manchmal fast stranguliert mit den ganzen Schläuchen aber ihr glaubt es nicht, am Ende des Tages konnte ich ganz allein eine Maschine aufbauen. Jaaaaaa, juchu und dann wollten die mich da auch noch. Also sagte ich zu und so handelte ich dann mein Gehalt aus, was natürlich viel weniger war aber egal, ich hatte wieder Arbeit und konnte neu beginnen. War Eine von Vielen und nicht mehr alleinige Chefarztsekretärin. Und ich konnte wieder mit Menschen arbeiten.
Vor lauter Freude fuhren wir gleich wieder in den Urlaub zu Ramona für ein paar Tage. Dort schmiss ich die Kündigung in dem alten Betrieb in den Kasten. Es war vollbracht. Ich begann neu.
Warum ich Das alles so genau erzähle, weil es wirklich ein Umbruch war in ein neues Leben.
Mein Dirk war zwar auch erleichtert, dass ich endlich wieder arbeiten konnte aber es ging ihm körperlich nicht gut. Er war oft verstimmt, konnte meine Ängste nicht nachvollziehen. Wie auch, er war nicht mehr der Dirk, der mich früher aufgefangen hat, der mir Rat gab, er hatte sich verändert. War unsicherer, vergaß oft und fasste die Problematik oft nicht.
Im September fing ich dann meine neue Stelle an, die frühere Firma machte mir keine Schwierigkeiten, die waren froh, dass sie mich los waren. Ich arbeitete Vollzeit und es war schwer, mega schwer. Schichtarbeit 5 Tage die Woche, Früh Spät Wechselschicht. Man das war ein Brett. Dann brach sich zudem auch noch meine Mutter den Oberarm und lag im Krankenhaus.
Was tun? Ich holte meine Mutter zu mir.
Zwischendurch fuhr ich noch mit Canis nach Schweinfurth. Warum ich das hier mit einbringe? Weil ich dort Moni und Micha kennengelernt habe, 2 Menschen, die mir noch sehr wichtig werden, dass wusste ich aber noch nicht. Ich ließ Dirk und meine Mutter zusammen für 2 Tage zurück und ich erlebte eine Ausstellung, die mir sehr in Erinnerung geblieben ist. Ramonas Tochter war auch mit und die ist so mega lustig und herzerfrischend, so dass ich dort soviel Spaß hatte, wie lange nicht. Wir haben manchmal gebrüllt vor Lachen, so dass Ramona uns manchmal einen Vogel zeigte(natürlich liebevoll). Mit Moni und Micha baute sich da was auf, das spürte ich. Wir mussten uns erst beschnuppern aber wir waren neugierig aufeinander.
Zu Hause wieder angekommen, wartete wieder viel Arbeit. Meine Mutter, die bei uns wohnte, bis sie wieder allein zu recht kam und dann die Arbeit, die schön war aber auch anstrengend. Meine Mutter war und ist auch nicht einfach und hatte so ihre Vorstellungen. Als sie 1 1/2 Monate später wieder nach Hause fuhr, atmeten wir auf. Jedoch lange Pause hatten wir nicht.
Dirk seine Mutter, zu der er eigentlich keinen Kontakt mehr hatte, weil auch sie charakterlich so schwierig war, lag im Krankenhaus. Oh neeee aber ich sagte zu Dirk, wir müssen da was tun, du wirst es dir nie verzeihen, wenn sie stirbt und du hast nichts getan.
So fuhren Dirk und Max zu ihr und sie sah nach vielen Jahren ihren Sohn und ihren Enkel wieder.
Es war sehr emotional für Alle und ich war froh, dass sie sich versöhnt hatten. Es war eine schwierige Kiste aber egal, wichtig war, dass sie sich versöhnen. Ein Grund war ich, weil Dirk mich mit 2 Kindern geheiratet hatte und ihren Sohn weg nahm. Naja manchmal hatten wir uns auch verstanden aber manchmal kam dann wieder ihr Groll auf. Naja, sie war auch sehr krank und nahm jahrelang ziemliche Hammermedikamente.
Leider konnten wir die neue Versöhnung nicht lange genießen, denn sie wurde abermals ins Krankenhaus eingeliefert, mit der Aussicht, dass sie ins Heim muss.
Wie sollte das gehen, was wird aus der Wohnung. Wir erkundigten uns hier in einem Heim in der Gegend und das war nicht schwer, Durch die gute Rente, konnte sie sich das leisten.
So fuhren wir in ihren Wohnort, der 400 km weit weg war und lösten die Wohnung auf. Das war ein Akt. Dirk war ja auch nicht gesund und dann noch die Wohnung auflösen. Ich hörte mich um und fand eine Vereinigung für Obdachlose, die räumten mir die ganze Wohnung leer, bis zur Schlüsselübergabe. Welch ein Glück. So nahmen wir nur das mit, womit wir ihr das Zimmer einrichten konnten. Leider mussten wir viel abgeben, mir blutete das Herz. Die schönen Sachen aber es musste sein.
Canis hatten wir mit und seine Mutter wohnte dort, wo ich und Dirk und kennen gelernt hatten und wo ich 7 Jahre ein wunderschönes Leben geführt hatte.
Ich ging zu der Stelle, wo mein Wohnhaus stand, dass war der Wende zum Opfer gefallen und abgerissen worden. Ich schwelgte in Erinnerungen.
Die Mutter von Dirk wurde Tage nach der Auflösung der Wohnung in das Heim in unserer Nähe gebracht. Sie war erst ganz unglücklich, sie wäre so gern mit in unser Haus gezogen aber sie und Dirk , Nein, das konnte und wollte ich nicht.
Dirk seine Mutter war zuerst froh bei uns in der Nähe zu sein aber dann kamen wieder ihre Stimmungsschwankungen und sie machte Dirk Vorwürfe. Nicht gerade einfach für ihn, denn es war auch wirklich schwer für ihn, sich um alles zu kümmern. Er hatte ja auch mit sich zu tun.
So kam sie auch noch kurz vor Weihnachten in Krankenhaus. Wir waren immer da und dort sagte sie mir, dass sie so glücklich ist, dass Dirk so eine liebe Frau bekommen hat und ich soll auf ihn aufpassen, ist er doch so krank. Es tat ihr in der Seele weh, ihren Sohn so zu sehen. Dieser Satz treibt mir, jedesmal die Tränen in die Augen, weil es auch das letzte Mal war, wo ich sie bei Bewusstsein gesehen habe und wir hatten uns versöhnt und ich hatte ihren Segen. Endlich. Jahrelang hatte ich darum gekämpft.
Im März verstarb sie dann. Dirk durfte dann gar nicht mehr zu ihr, weil sie isoliert lag. Wir haben sie dann nur noch ein letztes Mal gesehen. Nie werde ich das Bild vergessen und Dirk hat bitterlich geweint.
Ihre Beerdigung war ein wenig mystisch. Am Grab während der Rede flog plötzlich ziemlich tief ein Flugzeug über uns hinweg. Lacht jetzt nicht, nicht ich habe das bemerkt, sondern Max und Dirk gleichzeitig empfanden es so, als flöge sie davon und sagte nochmal Ade.
Eine merkwürdige Situation aber wir haben noch oft davon gesprochen.

Dirk war alleiniger Erbe und so blieb ein bisschen Geld übrig, was wir ins Haus steckten und wir planten eine Reise. Einmal nochmal weg fahren, wir wollten unbedingt eine Kreuzfahrt machen.

Katrin

teamdopamin

Hallo, wir sind Christoph aus Dortmund und May aus Hamburg. Wir wollen über Morbus Parkinson informieren und aufzeigen, wie vielseitig die Erkrankung und der Umgang damit sein kann – aus der Sicht der Betroffenen selbst. Übrigens: Wir sind beide selbst an Parkinson erkrankt.

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