Mein Leben mit Mr Parkinson 8

In diesem Teil geht es fast nur um mich. Ich möchte einfach von einer Zeit erzählen, die mich entgiftet, geprägt und stark gemacht hat.
Die Zeit in der Heinrich-Heine – Klinik in Neu Fahrland.
Am 16.8.2010 ging es los und das war auch der Tag meines Eintauchen in ein rauchfreies Leben.
Wie oft habe ich versucht, das Rauchen aufzugeben.Ich war eine Genussraucherin , einen schönen Kaffee und Zigi dazu, tja und das machte es schwer. Aber! diesmal wollte ich es nochmal versuchen, mit den Worten, “wenn ich es diesmal nicht schaffe, dann nimmer mehr” So hatte ich keinen Zwang.
Aber die Gesundheitsvorträge meines Sohnes nervten, so wollte ich es versuchen.
Ich zog nun ein, in die Klinik. Ich wurde abgeholt vom Taxifahrer der Klinik , mit den Worten, nach 6 Wochen werden Sie nicht mehr weg wollen.
Ja ja, mal sehen , ne? Ich hatte ein schönes Zimmer zum Park raus und es gab alles was man so brauchte. Irgendwie war ich gleich heimisch dort und ich nahm mir vor, für mich zu bleiben und die Anwendungen brav mitzumachen und mich erholen.
Am 2. Tag lief mir, ich nannte sie später Dedd, über den Weg. Es war, man könnte sagen, Sympathie auf den 1. Blick. Das habe ich in meinem ganzen Leben nie wieder erfahren und so auch noch nie erlebt. Uns beiden war, als hätten wir uns schon immer gekannt. Wir machten gleich am nächsten Tag eine Schifffahrt mit und dort erzählten wir uns, warum wir da sind und mehr , mehr , mehr.
Mit ihr konnte man lachen, traurig sein, erleben. Alles was ich in den 6 Wochen dort erlebt habe, habe ich mit ihr geteilt. Wir waren, so die die uns da kennen lernten, die Klinikzwillinge. Wo Dedd war, war ich und umgedreht auch. Sie war einfach eine Freundin, so wie ich das noch nie erlebt hatte, leider endete das auch mit der Heimkehr. davon aber später noch.

Die Therapie bestand darin, dass es Therapiegruppen gab. Feste Gruppen, die mehrmals in der Woche sich trafen. Das erste Treffen war schon mal haarsträubend, weil sich dort einige schon in die Wolle bekamen , bei der Vorstellung der Person und warum man dort war. Wir hatten für die 6 Wochen auch eine feste Therapeutin, sie war spanischer Herkunft, was sich auch in unserer Tanztherapie niederschlug. Therapie mit Flamenco Elementen, wo gab es das. Nur bei den “Trauerweiden”, so nannten wir uns. Der stille Mitleser hier, weiß , wer den Namen erfunden hat.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten und auch Reserviertheit Einiger wuchsen wir zusammen. Wir waren gerne in der “Anstalt”, so nannten wir spaßhaft unsere Klinik. Natürlich gab es Ausnahmen aber der Kern war genial. Ob es das Pilze suchen war, Spiele Abende oder auch Ausflüge in die “Taverne” , ich habe mich so frei, lustig und jung gefühlt.
Ich weiß noch wie ich den 1. Tag dort war, da fand eine Disco statt. Was soll das denn, hab ich mich gefragt. Ich stell mich doch nicht da hin und tanze da, wo ich kaum jemand kenne. Haha, die nächste Disco hottete ich wie in meiner besten Jugendzeit dort ab und konnte kaum erwarten, dass wieder der Discotag kam.
Ich entdeckte plötzlich, dass ich auch eine künstlerische Seite hatte. Ich ging mit Dedd zur Seidenmalerei. Nie,nie , nie hatte ich sowas gemacht, noch hätte ich gedacht, dass ich ein brauchbares Werk abliefern konnte. Ich war geflasht als ich mein Tuch in den Händen hielt. Mein erstes selbst gestaltetes Tuch. Boa. In der Ergotherapie, modellierte ich ein Türschild aus Ton, was heute noch unsere Hauswand ziert. Ich hatte doch eigentlich zwei linke Hände für sowas. Gib mit eine Säge oder Hammer, da weiß ich was ich damit mache aber kreativ??? Ne nie war das mein Ding.
Ich war so stolz auf mich.
ich sang sogar mit Dedd im Klinikchor. Erst wollte ich das nicht machen aber der Professor , der diesen Chor leitete war so klasse und Dedd drängte mich. Also machte ich mit. Es hat soviel Spaß gemacht. Dieser Chor sang immer zur Begrüßung der Neuen und zum Abschied der Alten. Der Abschied war nie so schön, weil immer alle heulten, wie die Schlosshunde. Denn dort hatten sich Freundschaften gebildet und man war in einer eigenen Welt, wie bei Kapitän Nemo.
Man fühlte sich dort so sicher und aufgehoben. Ich habe ein Video von dort mitbekommen aber ich kann es mir nicht anschauen. Zu groß wäre die Sehnsucht.
Meine neue Entdeckung war die sportliche Seite, worken, jeden Tag schwimmen, Chi Gong usw. und es hat Spaß gemacht, weil man es mit Menschen tat, die alle ihren Kummer hatten, die durch Verlust eines Menschen, Krankheit, kranker Partnerschaft oder Schwierigkeiten im Leben und in der Arbeit hatten. Dort waren Mensche mit Schicksalen bei denen man in den Gruppentherapien schockiert war und wo man von der Gruppe aufgefangen wurde.
Man wuchs immer und immer mehr zusammen. Ob es beim Essen war, beim Sport oder auf den Ausflügen. Wir redeten, lachten, benahmen uns manchmal wie Teenager aber genau das war es was uns gefehlt hatte. In unserem sorgenvollen Leben hatten wir einfach verlernt zu lachen.
Nach 6 Wochen sah man, wie diese Menschen sich wieder wohler fühlten, offener waren.
Ich hatte auch den Mut, die Gegend allein zu erkunden. Mit dem Fahrrad war ich in den Therapiepausen unterwegs, bis Potsdam war es nicht weit. Die Gegend war einfach so schön, Wald , Seen und Stadt. Der Wahnsinn, ein Tipp für Euch mal hinzufahren. Dort kann man auch Urlaub machen. Ich hatte sogar Mut, ganz allein in den Filmpark nach Babelsberg zu fahren. Ich hatte dort ganz allein einen wunderschönen Tag. Dedd konnte nicht mit, da sie Besuch von ihrer Familie hatte.
Ich hatte in den 6 Wochen keinen Besuch, zum Einen weil die Empfehlung war, von Besuchen abzusehen um einen Therapieerfolg zu bekommen und zum Anderen war es für Dirk etwas weit für 1 Tag und Hotel war teuer und wohin mit Canis. Außerdem hatte ich Angst, dass ich Heimweh bekomme, wenn ich die Beiden sehe. Also ließen wir es. Außerdem stellten Dirk und Ramona in Leipzig Canis aus, der dort sein 1. V1 in der Zwischenklasse bekam. Ich war so so stolz und das machte mein Glück im Moment voll rund. Ich war so stolz, auf Dirk, dass er allein nach Leipzig fuhr, auf Canis, der sich so toll präsentiert hat und gewann und auf mich, die immer mehr Fortschritte machte.
Jede einzelne Therapie und das Gespräch mit den Therapeuten kitzelte in mir die Kampflust wieder hervor. Ich fühlte mich gesund, kraftvoll und schlank. Ich hatte dort 4 1/2 Kilo in den 6 Wochen verloren, ohne wenig zu Essen und ohne zu rauchen.
Die Zeit ging langsam dem Ende entgegen. Es wurde uns schmerzlich bewusst , dass wir uns, die Trauerweiden und vor allem Dedd und ich uns trennen mussten.
Ich weiß es noch wie heute. Ein paar Tage vorher waren Dedd und ich nochmal auf einer Fahrradtour. Wir saßen am See und tranken Kaffee und plötzlich weinte sie bitterlich. Ich versuchte clean zu bleiben, wollten wir uns doch besuchen und Kontakt halten. Jedoch von da ab wusste ich, dass es ein Abschied für immer war. Wir haben dann noch einmal telefoniert und geschrieben aber es gab nie mehr ein Wiedersehen. Da war auch niemand Schuld dran, es war das weitere Leben, was wir dann führten und was nicht einfach war. Wir hatten dann beide Schicksalsschläge, die wir verarbeiten mussten. Ich denke, wir haben uns das auch nie übel genommen, weil wir so viel von uns wussten und wenn wir uns jetzt sehen würden, wäre es wieder so schön. Aber ich habe mir gesagt, es war eine ganz eigene Welt da, man muss das erlebt haben, um das zu verstehen.

Die Trauerweiden feierten einen lauten Abschied, mit Adressen, Telefonnummern, E.Mail Austausch. Naja, wie das immer so ist. Ich hab kaum noch Kontakt aber ich denke es ist normal.
Es ist die Welt der Heinrich-Heine -Klinik, unserer “Anstalt” in Neu Fahrland gewesen. Der Abschied von da, war wahnsinnig schmerzlich und ich hatte danach lange Mühe mich wieder einzufinden in der Normalität aber ich war gestärkt, erschlankt und rauchfrei. So konnte ich doch mit einem guten Ergebnis die Kur beenden. Ich wäre da so gern noch einmal hingefahren aber ich glaube, dass kann man So nie nie wiederholen. Ich habe den Ort gemeinsam mit Dirk ein paar Jahre später nochmal besucht und es hat sich nach Sehnsucht angefühlt.

Jaaa, das war die Geschichte meiner Reise in eine andere Welt, wo es keine Probleme gab. Wo man behütet und verwöhnt wurde, wo man als Mensch geachtet wurde, wo einem geholfen wurde, wo Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft herrschte. Die Kur die dann einige Jahre später machte, hatte nicht mal den Ansatz davon.

Im nächsten Teil schreibe ich über meine Heimkehr , neue Probleme auf Arbeit und in der Familie.

Katrin

teamdopamin

Hallo, wir sind Christoph aus Dortmund und May aus Hamburg. Wir wollen über Morbus Parkinson informieren und aufzeigen, wie vielseitig die Erkrankung und der Umgang damit sein kann – aus der Sicht der Betroffenen selbst. Übrigens: Wir sind beide selbst an Parkinson erkrankt.

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