Impulskontrollstörungen

In meinem Falle: Starker Drang zur Spielsucht trotz schwerer, persönlicher und familiärer Konsequenzen.

Hallo

Ich möchte Ihnen hiermit meine Geschichte schreiben. Dieses doch etwas heikle Thema wird meiner Meinung viel zu wenig, gerade bei den Angehörigen und Neurologen, zur Sprache gebracht. Ich meine und hoffe dadurch einigen oft jüngeren Parkinsonpatienten mein Schicksal ersparen zu können, denn ich weiß auch durch eigene Erfahrung und Kennenlernen, dass die Dunkelziffer hier sehr groß ist und man es durch Scham nicht preisgibt.


Es gibt natürlich einige Zwangshandlungen, aber die finanziell schädlichsten Haupttriebe sind:
– Spielsucht ohne Rücksicht auf sehr ernste persönliche und familiären Konsequenzen
– Kaufsucht oder übermäßiges und maßloses Ausgeben von Geld
– Stark gesteigerter Sexualtrieb bis hin zu Hypersexualität
Mein „anderes Ich“ hat sich für die Spielsucht entschieden. Ich nenne es mal absichtlich mein „anderes Ich“, da ich es bis heute fast nicht verstehen kann. Ich bin vor dieser Sucht eigentlich nie ein Freund des Zockens gewesen. Wenn ich mal nach dem Fußball mit meinen Kollegen ein bisschen pokerte, was sehr selten vorkam, und ich dabei 50,- DM verlor, ärgerte mich das tagelang. Ich sah da lieber zu und schüttelte den Kopf bei manchen Einsätzen. Das war mir immer zu heiß.

Mein Parkinsonverlauf
Mein Parkinson wurde vor 12 Jahren diagnostiziert, im Alter von 44 Jahren. Ich bin jetzt 56 Jahre und arbeite noch 4 Stunden am Tag. Ich hatte zwar nie einen parkinsontypischen Tremor, was die meisten Leute kennen, aber bei mir schlägt sich die Krankheit hauptsächlich auf die rechte Seite meines Körpers nieder. Ich konnte im sogenannten Off-Zustand kaum laufen oder etwas mit meiner rechten Hand anstellen. Ich war aber gut eingestellt, das heißt, dass mein Parkinson eigentlich nicht aufgefallen ist, wenn ich meine Tabletten genommen habe. Aber in den Jahren, hat sich natürlich die Tablettenanzahl und Stärke enorm vergrößert. Auch wird der Zeitraum zwischen den einzelnen Rationen immer kürzer, soll heißen, die Wirkung ist immer schneller dahin. Mein Medikamenten Plan 2014
Über den Tag verteilt:
1.) Amantadin 100mg : 4
2.) Ropinirol Ret 8 mg : 1
3.) Stalevo/LCE bzw: OR :2
4.) Tasmar 100 mg :3
5.) Xadago 100 mg : 1
6.) Neupro Pflaster 8mg : 1
7.) Neupro Pflaster 3mg : 1
8.) Madopar LT TAB 100 : 4,5 + x
9.) Madopar depot 100 mg : 1
10.)Ropinirol Ret 4 mg : 1
11.)Rivotril 0.5 mg : 1

Nr. 1) 2.) 3.)5.) 6.) 7.) 10.) sind Agonisten oder Medikamente mit den oben genannten Nebenwirkungen.


Mein zwanghaftes Verhalten und seine Folgen

Ich habe mich im August 2013 nach über 25 Jahren Ehe von meiner Frau scheiden lassen. Wir haben uns, wie man so schön sagt auseinander gelebt. Aus dieser Ehe habe ich Söhne im jetzigen Alter von 29 und 23 Jahren. Während dieser Ehe baute ich ein Eigenheim, welches wir vor der Scheidung verkauft haben. Es war zwar noch nicht schuldenfrei, aber 120.000.- Euro für mich und 90.000 für meine Exfrau blieben uns schon übrig.

Gute zwei Jahre zuvor, im Januar 2011, habe ich meine jetzige Ehefrau Sigrid kennengelernt. Wir heirateten am 12.04.2014. Zu dieser Zeit war ich gerade mittendrin in meinem Spieltrieb. Ich hatte ja auch richtig Geld durch den Hausverkauf. Dieses Geld legte ich eigentlich gut gestreut bei einem Vermögensberater an. Ein netter Mann, der mir sogar meine Frau empfehlen konnte. Da dies vor meiner zweiten Ehe geschah, hatte ich das alleinige Verfügungsrecht, was mir vielleicht zum Verhängnis wurde. Ich weiß noch sehr gut, dass meine jetzige Frau sich nicht einmischen wollte und sagte: „Mach du das, dass ist dein Geld.“

Meine Spielsucht, die ich zu dieser Zeit selber nie als Sucht empfunden habe, beschränkte sich auf Sportwetten und insbesondere auf Fussball Online wetten. „Tipico“ und „Interwetten“ waren meine Plattformen. Der Teufelskreis ist natürlich dieser, dass nach verlorenen Wetten man das Geld schnell wieder zurückgewinnen möchte. Das Risiko wurde immer mehr gesteigert und die Hemmschwelle sank. 500.-Euro auf einen einzigen Punkt zu wetten, bei eigenem Aufschlagspiel eines Tennismatches war bei einer Quote 2:1, also Verdoppelung des Einsatzes als Gewinn, war ganz normal geworden.

Wenn dann das flüssige Geld weg war, rief ich meinen Berater an und orderte die nächsten 10.000 Euro an. Dieser wunderte sich mit der Zeit schon ein wenig und machte mich auch auf Verluste bei dem einen oder anderen angelegten Geld aufmerksam, aber ich hatte ja die alleinige Verfügung. Ich erzählte ihm irgendwelche Geschichten für was ich oder wir das Geld benötigten. Er sagte auch meiner Frau kein Wort. So konnte ich die Sucht vor meiner Frau verbergen, da ich ja ohne ihr Wissen an das Geld kam. Ab und an, wenn ich mal ein paar Hundert Euro gewonnen habe, prahlte ich damit gelegentlich bei meinen Fußballkollegen, aber auch da wurde kein Verdacht geschöpft. Ich bin nach meiner Aktiven Fußball Zeit (Bezirksliga) meinem Verein treu geblieben und habe in der Vorstandschaft mitgewirkt. Auch da habe ich ca. 15.000 Euro hineingesteckt in Spielergehälter, Prämien etc. („schwarz“ nicht über die Bücher). Das Geld habe ich natürlich auch nicht mehr gesehen.


Den Mallorca Urlaub 2015 musste ich dann schon mit geliehenem Geld (Bruder, Kollegen) finanzieren, da ich eigentlich schon Pleite war. Meine Frau bemerkte langsam auch, dass da vielleicht was nicht stimmt, fragte nach, z.B. wegen irgendwelchen Rückläufern meiner Hausbank, aber ich beruhigte sie immer wieder mit irgendwelchen Ausreden. Ich habe sie da wirklich richtig belogen und hintergangen, aber das fühlte ich eigentlich nicht so. Jetzt als ich kein Geld mehr hatte, kam die Zeit der Onlinekredite. Zu anfangs war es recht leicht hier mal 10.000.- und da mal 10.000.-Euro aufzunehmen. Ich hatte ja noch eine gute Bonität bei der Schufa. Ich dachte immer noch, dass ich das verlorene Geld wieder irgendwie wieder gewinnen kann. Es schüttelt mich und stellt mir die Haare, wenn ich jetzt gerade beim schreiben dieser Zeilen daran denke. Wie schon gesagt, kann ich es bis heute nicht recht erklären. Es wurde nun langsam schwerer an diese Kredite zu kommen, da es nun schon am zurückbezahlen haperte. Ein Arbeitgeber Kredit von 3000.-Euro „Kleinere“ Online Kredite von 3000.- oder 2500.- und 2000.- Euro waren aber immer noch zu haben. Schnellkredite von 600.-Euro innerhalb einer ½ Std. bei nächstmonatlicher Rückzahlung waren auch noch drin, bis, ja bis natürlich irgendwann nichts mehr ging.

Rien ne va plus hieß es für mich Anfang 2016. Ich offenbarte mich meiner Frau. Warum habe ich das nicht schon viel früher gemacht, Ja, warum. Ich weiß es nicht. Ich verdrängte „Damals“ die Wahrheit, schämte mich und mein „anderes Ich“ war einfach unüberwindlich.

„Damals“ gerade mal 1 Jahr her.
Ohne meine Frau hätte ich es wahrscheinlich nicht überlebt. (Der Suizidgedanke war für mich schon Realität.) Ich glaube nicht viele Frauen hätten in solch einer Situation zu mir gehalten. Auch meine zwei Brüder haben mich (uns) unterstützt und finanziell etwas geholfen.

Wir gingen zum meinem Neurologen, der wie alle auch nichts wusste oder etwas bemerkt hatte. Er fragte ab und an bei den vierteljährlichen Kontrollen nach, nach etwaigen Nebenwirkungen, was ich natürlich auch verneinte. Aber das war es auch schon.


Mein jetziger Stand

 

– Meine Frau hat Kontoeinsicht
– Die sogenannten Dopamin Agonisten wurden sofort abgesetzt.
– Umstellung der Medikation auf L-Dopa.
– Nach der Eingewöhnung absolut keinen Drang mehr auf „Zocken“
– Ich ließ eine Tiefe Hirnstimulation OP in der Uni Freiburg im April 2016 durchführen.
– Wir fassten alle Schulden zusammen und meine Frau und ich nahmen einen Gesamtkredit von 45.000 Euro auf, den wir voraussichtlich in 6 Jahren abbezahlt haben werden.

Mein Medikamenten Plan 2017 nach der OP
Über den Tag verteilt:

1.) Madopar 62.5 mg : 5 + x
2.) Madopar Depot 125 mg: 1
3.) Tasmar 100 mg : 3
4.) Rivotril 0.5 mg :1

Kann man eine solchen Zwangshandlung erkennen oder vermeiden

Wie schon zu Anfangs geschrieben ist dies ein heikles Thema. Ich habe in der Zeit meiner Parkinson-Krankheit und meines Klinikaufenthalts Schicksale mitbekommen, die ähnlich oder schlimmer wie meine endeten.

– Kaufrausch eines jungen Mannes (Porsche, Weltreisen etc.)
– Hypersexualität, Besuch von Prostituierten bis hin zu Edelbordellen mit mehreren Frauen die Nacht.

Die Dunkelziffer ist hier enorm groß, weil (wie auch bei mir) der Realitätsverlust und die Scham, es zugeben zu müssen, überwiegen. Bei einem jungen Parkinson-Patienten, der diese „Agonisten Dopamin“ Medikation bekommt, sollte man generell deutlicher auf diese Zwangshandlungen hinweisen. Und das natürlich nicht nur dem Patienten, sondern auch hauptsächlich dem Umfeld und den „Angehörigen“ gegenüber. Oder dem Patienten nicht die alleinige, finanzielle Macht geben. Einfach genauer hinschauen, mehr hinterfragen und nicht immer alles glauben. Ich weiß es aus Erfahrung.

 

Gerd

 

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