Herr Parkinson bei der Arbeit

Ich bin sauer, immer noch. Mal mehr, mal weniger.

Warum? Auf wen? Auf Herrn Parkinson, versteht sich.
Ein Jahr vor meiner Diagnose Parkinson habe ich nach längerer Pause angefangen, in meinem Beruf als Krankenschwester in Teilzeit zu arbeiten. Ich wollte nach gelungener Scheidung beruflich richtig durchstarten in ein besseres ausgefülltes Leben, mit Anerkennung, finanzieller Unabhängigkeit, der Aussicht auf eine interessante Weiterbildung und dem guten Gefühl, zu einem tollen Kollegenteam zu gehören

Alle Hoffnungen hatten sich innerhalb von fünf Monaten zerschlagen, da ich wegen der heimlichen Aktivitäten meines mir noch unbekannten Begleiters der eigentlich nicht sehr großen Arbeitsbelastung in keiner Weise gewachsen war. Die Arbeit, der Umgang mit den Patienten, die Krankheitsbilder, alles war gleich geblieben, aber es fühlte sich so vollkommen anders an.
Früher konnte ich schnell und sicher reagieren, war belastbar und habe es meistens geschafft, meine professionelle Distanz zu bewahren.

Das war auf einmal ganz anders. Alles war unheimlich ermüdend und anstrengend, die Probleme der Patienten prasselten ungefiltert auf mich ein und eine 20-Stunden-Woche stand wie ein riesiger Berg vor mir. Ich habe aufgegeben und gekündigt. Nun wurde geprüft, ob ich eine Umschulung machen kann, dafür ging es mir aber zu dem Zeitpunkt schon zu schlecht. Ein Jahr später stand nach dem üblichen Ärztemarathon die Diagnose Parkinson fest. Drei Monate später wurde der Antrag auf volle Erwerbsminderungsrente bewilligt.

Ich war raus, einfach raus. Weg vom Fenster, im Abseits, tot für den Arbeitsmarkt, mit 48 Jahren.
Nein, so war das nicht geplant! Ich hatte das Gefühl, im Nichts zu verschwinden. Musste mich mit anderen Problemen auseinandersetzen. Da waren ja noch die beiden jüngeren Kinder, ein Umzug stand bevor und mein unverschämter neuer Begleiter verlangte ebenfalls meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Ich war beschäftigt, und zwar den ganzen Tag.
War das auch Arbeit? Eine ungewollte Krankheit zu akzeptieren, mit ihr leben zu lernen, aufmerksam zu sein, Schmerzen zu ertragen, Grenzen neu auszutesten, meinen Kindern und Mitmenschen zu erklären, wie ich mich fühle? Jeden Morgen mit großer Überwindung aufstehen und einen anstrengenden Alltag bewältigen? Es war wie Schwimmen im Meer, immer auf der Suche nach Orientierung, einem Leuchtturm, einem Anker.

Aus dieser Phase stammen meine zahlreichen Leuchtturmbilder, gemalt in schlaflosen Nächten und am Tag, um die Angst vor dem Nichts zu vertreiben. Das alles zusammen war mehr als Arbeit.
Aus dieser Situation gab es kein Entrinnen mehr, keinen Urlaub, keine Gnade.
Mein Problem, zu lösen von mir selbst.

Warum ist Arbeit mir heute, fünf Jahre später, noch so wichtig?
Wir leben in einer leistungsorientierten Gesellschaft, der Tüchtige (wie meine Mutti so schön sagt), findet Anerkennung, wir definieren uns über unsere Arbeit und unsere Berufe.
Was bin ich als Parkinsonpatient? Worin liegt mein Wert? Darf ich einfach krank sein?
Muss ich mein Handicap kompensieren durch künstlerische Betätigung, Engagement im Ehrenamt?
Oder soll ich gar einen Job neben der Rente annehmen, um die Lücke, die schmerzhafte Leere in meinem Innern auszufüllen?

Ist es genug, Meister der Langsamkeit zu sein, die Schnecke im Wappen zu führen und zu den wenigen Menschen zu gehören, die ZEIT haben? Einfach nach ein paar aktiven Stunden im OFF zu verschwinden? Was würde Friedrich Engels dazu sagen? Für ihn hatte die Arbeit einen großen Anteil an der Menschwerdung des Affen. Und was mache ich?

Ich beherrsche zum Glück noch den aufrechten Gang und habe beide Hände frei, mit denen ich Werkzeuge wie Laptop, Handy und Fernbedienung benutzen kann, was mich deutlich von den Primaten, den Menschenaffen unterscheidet, lieber Herr Engels! Und nicht nur das….Ich kann Menschen glücklich machen und habe Zeit zum Klavierspielen und völlig nutzlos herumzuhängen. Gelegentlich starre ich dabei einfach nur die Raufasertapete an, was ungeheuer entspannend ist.
Statt Herrn Parkinson an mir arbeiten zu lassen, versuche ich, inzwischen manchmal irgendwie gereift und ein bisschen gelassener, meine Tage so schön und erfreulich wie möglich zu gestalten.
Arbeit hat heute einen anderen Stellenwert für mich. Es geht nicht ohne, aber sie ist nicht mehr der höchste Wert in meinem Leben. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich mich mit anderen Parkis vergleiche, denen, die mehr schaffen, die klüger sind als ich, die sich ehrenamtlich stark und scheinbar unermüdlich engagieren und die noch eine Arbeit haben. Dann färbt ein Hauch von Neid mein starres Antlitz für einen kleinen Moment zartgrün……aber nur kurz und ich verschwinde wieder in meinem Leben mit dem nicht mehr genau definierten Begriff der Arbeit.

Claudia R.

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Von teamdopamin

Hallo, wir sind Christoph aus Dortmund und May aus Hamburg. Wir wollen über Morbus Parkinson informieren und aufzeigen, wie vielseitig die Erkrankung und der Umgang damit sein kann – aus der Sicht der Betroffenen selbst. Übrigens: Wir sind beide selbst an Parkinson erkrankt.

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Sabine peper

Die Erzählung beschreibt Herrn Parkison sehr gut. Ich wünschte mir, meine Geschwister könnten dieses lesen, denn sie schaffen soviel mehr wie ich und sind nicht so schnell kaputt wie ich, obwohl beide Schwestern Herzkrank sind. Es ist so schwer zu erklären , dass man gewisse Dinge einfach nicht mehr schafft. Ich selber möchte vieles schaffen und komme an meine Grenzen……

riwa

Die Leuchttürme weisen dir den Weg!
„Wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her“.
Das mag vielleicht abgedroschen klingen, waren aber meine Gedanken beim Lesen deiner Zeilen.