Ein Mann, ein Fahrrad, ein Versprechen

Ich fühle mich wie ein VIP

Wir hatten uns auch mal für ein paar Kilometer verfahren. Als wir endlich in Udine ankamen, wo wir lokale Parkinson-Patientengruppen treffen wollten, konnten wir zuerst den Treffpunkt nicht finden. Daher haben wir die Ansprechpartner vor Ort per Handy kontaktiert und die sagten, wir sollten einfach an Ort und Stelle warten. Sie konnten ja anhand von meinem GPS-Trecker sehen wo wir waren. Und was dann kam, war für uns alle der absolute Höhepunkt dieses Tages. Von zwei Polizeiautos mit Blaulicht wurden wir in die Mitte genommen. Zuerst ich, dann Alexandra mit Benno. Sie schleusten uns mit Blaulicht durch die Stadt. Wir überfuhren rote Ampeln, die Polizeiautos sperrten vorfahrtberechtigte Straßen einfach ab, damit wir durchfahren konnten und wir fuhren sogar entgegengesetzt durch Einbahnstraßen, bis wir schließlich durch die Fußgängerzone am Museum der Moderne ankamen. Ein herzlicher Dank an dieser Stelle der Polizia Locale. Wir kamen uns vor wie Staatsgäste mit Eskorte. Einfach genial, wie hier die Polizei „mit ihren Bürgern lebt“. (Bemerkung am Rande: „Obwohl unsere Polizei-Station den Tour-Start wusste, ich hatte es unserer PI bereits Tage vorher mitgeteilt, war es meiner Meinung Personalmangel— vertane Chance!“). Dort waren noch mehr Polizisten und Polizistinnen und Menschen, die schon auf uns warteten und applaudierten. Einfach wahnsinnig schön und sehr emotional. Die waren alle wegen mir gekommen – für mich kaum auszuhalten!
Nach der offiziellen Begrüßung durch die Stadt Udine und diverse Professoren/Dr./VIPs gingen wir ins Museum und dort haben etwa 50 Parkinson-Erkrankte mit ihren Angehörigen auf mich gewartet. Ich erzählte ihnen von meiner Geschichte und der Tour, und dass man sich von dieser Krankheit nicht in die Knie zwingen lassen darf. Anschließend hat der Chor der Patientengruppe gesungen, was emotional sehr aufgeladen und ergreifend war.
Mir kamen fast die Tränen. Freude schöner Götterfunken oder die Arie des Gefangenenchors aus Aida und natürlich die italienische Nationalhymne. So tolle Stimmen. Und selbst die schwer Erkrankten haben mitgesungen oder mitgeklatscht. Man kann sich nicht vorstellen, wie dieser Moment auf mich gewirkt hat. Sehr, sehr schön … Mir fehlen dazu die Worte …
Viele Erkrankte hatten auch Fragen, gratulierten mir zu meinem Mut oder hatten kleine Geschenke dabei. Ein junger Mann hatte extra Blumen gepflückt und einen Wiesenblumenstrauß gebunden, und gesagt, dass er bei der nächsten Tour mit dabei ist. Ich komme darauf zurück, irgendwann. Ich weiß nicht, wie man chronisch kranken Menschen mehr Mut zusprechen kann, als mit der Aktion, die da gelaufen ist. „Ich will noch was bewegen“ – ich habe es wirklich geschafft.
Ich war und bin der Hoffnungsträger für ihre Zukunft!
Nach dieser Vorstellung wurden wir wieder mit Eskorte und Blaulicht ins Hotel gebracht. Ein Tag, der lange, sehr lange, in Erinnerung bleiben wird.
Den Tag danach hatten wir frei, und nutzten ihn auch dementsprechend. Wir fuhren mit
dem Taxi, denn lange Strecken gehen fällt mir immer noch nicht leicht, in die Stadtmitte,
sprich in die Altstadt und haben einen ruhigen Tag genossen.
Am nächsten Tag fuhren wir bei strahlendem Sonnenschein relativ spät los und
ich musste leider gleich mal feststellen, dass sich irgendjemand meine Fahne als Souvenir mitgenommen hatte. Das ist zwar ärgerlich, war aber anscheinend nicht zu vermeiden, da wir im B&W in Udine keinen abgesperrten Raum für unsere Fahrräder hatten, sondern nur einen Stellplatz in der Tiefgarage. (Ich hoffe sie bringt demjenigen Glück.) Als ich mich dann an der Rezeption meldete, hatte die Dame Mitleid und spendierte uns gleich noch 6 Flaschen Sprudelwasser. Danke, sehr aufmerksam!

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Von teamdopamin

Hallo, wir sind Christoph aus Dortmund und May aus Hamburg. Wir wollen über Morbus Parkinson informieren und aufzeigen, wie vielseitig die Erkrankung und der Umgang damit sein kann – aus der Sicht der Betroffenen selbst. Übrigens: Wir sind beide selbst an Parkinson erkrankt.