Ein Mann, ein Fahrrad, ein Versprechen

Zuerst einmal zu mir. Ich bin fünfzig Jahre alt, Vater einer 14-jährigen Tochter und seit 15 Jahren glücklich verheiratet. Ich lebe in Altötting in Oberbayern, zwischen München und Passau. Genau in der Mitte, da wo die vielen Wallfahrer hingehen und der ein oder andere Papst sich in der Stadtchronik bereits verewigt hat. Wir hatten fast alles, um glücklich und zufrieden leben zu können. Ein ererbtes Häuschen mit Kachelofen, Sonnenterrasse und Wintergarten, ein kleines Auto, eine gute Arbeit – einfach eine kleine glückliche Familie.

Ich bin ausgebildeter Radio- und Fernsehtechniker. Nach verschiedenen Arbeitsplatzwechseln, wo ich mich weiterentwickeln konnte, bin ich durch den Handyboom Ende der 90er Jahre im Verkauf gelandet. Da mich diese Arbeit wirklich interessierte und ich ein gutes Händchen hatte, was den Kundenumgang und das technische Verständnis betraf, konnte ich schnell zum Abteilungsleiter aufsteigen. Ich richtete mein Leben ganz auf die Arbeit aus. Meine Frau hielt mir den Rücken frei. Egal was kam, ich konnte mich voll auf sie verlassen. Doch nach den ersten erfolgreichen Jahren – meine Tochter war gerade mal zwei Jahre alt – war es irgendwann nicht mehr zu ignorieren, dass irgendetwas bei mir nicht in Ordnung war. Ich hatte schon länger mit der Fitness zu kämpfen, ich ermüdete sehr schnell und hatte beim Bücken mit der Balance so meine Schwierigkeiten. Außerdem war ich leichter reizbar. Ich ging zum Arzt, um mich untersuchen zu lassen. Das Ergebnis war schnell gefunden: Stress …
Deshalb versuchte ich, die Verantwortung in meiner Arbeit besser zu verteilen. Was aber nur bedingt möglich war und so wechselte ich von einer Therapie zur nächsten, um irgendwie die Symptome besser in den Griff zu bekommen. Ich konnte es mir nicht leisten meine Arbeit zu verlieren, deshalb wurde ich von Facharzt zu Facharzt überwiesen. Herz, Blut, Hormone, etc. alles wurde durchgecheckt.

Dann, vor ungefähr 12 Jahren, kam die Diagnose: Parkinson. Erst einmal ein Schock für mich und meine Familie.

Meine Frau fing nach der Babypause wieder an halbtags zu arbeiten, damit wir irgendwie über die Runden kamen, da bei mir die Karriere am Ende zu sein schien. Ich konnte auch nicht mehr aufsteigen, um mehr zu verdienen. Wer stellt schon wirklich einen „Parki“ ein?

Doch es kamen immer neue Symptome hinzu, beginnend mit dem Zittern der Hände bei Anstrengung. Da die Oberlippe nicht mehr das tat, was ich wollte, bekam ich dadurch eine immer undeutlichere Aussprache. Durch die Parkinson-Erkrankung wurde meine Stimme immer rauer und das Bücken fiel mir nach und nach schwerer. Es kostete mich immer mehr Kraft, laut und deutlich zu sprechen. Irgendwann konnte ich meinen Dienst nicht mehr richtig ausfüllen und war dadurch gezwungen ins Lager zu wechseln.
Da der Betrieb gerade zwei weitere Filialen eröffnete und die Lageristen die Umlagerung von einem Geschäft zum anderen organisieren mussten, übernahm ich die Lkw-Fahrten. Bis mein Chef mich dann so schnell wie möglich loswerden wollte und mich zur Untersuchung zum Medizinischen Dienst schickte. Dieser stellte fest, dass ich für gewerbliche Lkw-Fahrten nicht mehr geeignet bin. Kurzum, ich wurde kurz darauf mit Zustimmung der Behörde entlassen.
Ich, unheilbar krank, Familienvater mit so gut wie keinem Finanzpolster und ohne Aussicht je wieder arbeiten zu können.
Super, das war genau das, was ich jetzt brauchte. Ich wurde also Frührentner und Hausmann.


Aber auch das ließ sich irgendwie regeln!

Ich wollte zwar immer mit 45 Jahren aufhören zu arbeiten, aber doch nicht so! Also setzte ich mich an meinen PC und begann zu recherchieren, was ich gegen die Symptome der Parkinsonkrankheit noch alles machen kann und ich probierte fast jede noch so abstruse Therapie. Meditation, Vitamin-Kuren, Hormone, Ernährungsumstellung, Spritzen-Kuren mit verschiedenen Schlangen- und Froschgiften, Zitronen-/ Orangensaft-Kur usw. Erschwerend kam hinzu, dass die Krankheit bei mir sehr schnell und aggressiv voranschritt. Erst brauchte ich nur einen Gehstock, dann jedoch bald einen Rollator bzw. Walkingstöcke und schließlich einen Rollstuhl für Strecken von mehr als fünfzig Metern.
Meine Frau hatte begonnen wieder in Vollzeit zu arbeiten und ich versuchte, soweit es mir möglich war, mich um unsere Tochter zu kümmern. Durch die Medikamente hatte ich dann jedoch so massive Wassereinlagerungen (Ödeme) im Bauch und in den Beinen, dass dies nur bedingt möglich war. Als ich dann bei 2500 mg Dopamin täglich angekommen war, musste ich mindestens alle drei Stunden 200 mg (auch nachts), plus tagsüber zwei bis fünf Tabletten nehmen, je nachdem wie ich mich bewegen konnte. Aber es half einfach nichts mehr. Es musste also was geschehen. Aufgeben war keine Option. Ich hatte Verantwortung meiner Frau, meiner Tochter und nicht zuletzt mir selbst gegenüber. Ich wollte meinen Körper noch nicht der Krankheit überlassen. Nicht in dem Alter und nicht in dem Zustand. Mir fehlte im Moment noch nicht allzu viel und ich hatte wenig, wenn auch massive Schmerzen.
Der Antrieb überhaupt etwas zu beginnen und die Kraft fehlte. Man ist ein Gefangener im eigenen Körper, antriebs- und lustlos.
Doch ich hatte noch so manchen unverwirklichten Traum und andere Ziele, die es noch umzusetzen galt. Es gibt viele, die diese Krankheit als Freund bezeichnen, mit dem man durch dick und dünn geht bzw. gehen muss. Ich kann das nicht nachvollziehen. Eher wie ein Stiefvater, den man als Erwachsener bekommt. Man kann nichts dafür, kann es nicht ändern und ist trotzdem mit ihm verwandt. Eine Freundschaft kann man schließlich kündigen …

Durch Recherchen im Internet und durch die Empfehlung meines behandelnden Professors, entschied ich mich, zusammen mit meiner Frau, für die Implantation zur „Tiefen Hirnstimulation (THS)“. Ich habe lange im Vorfeld sämtliche mir zur Verfügung stehenden Quellen genutzt. Manche Fachbücher musste meine Frau mir erst übersetzen, sie ist schließlich Pharmazeutisch- Technische Assistentin (PTA) und kann relativ gut Latein. Wenn ich was nicht verstehen konnte, nutzte ich den Übersetzer im Internet. Ich konnte mich kaum bewegen, aber ich konnte lesen und das mit dem PC bekam ich auch immer besser in den Griff. Ich richtete mir meinen „Arbeitsplatz“ in der Küche ein. Treppen steigen war und ist immer noch ein Problem. Somit konnte ich, wann immer ich mich in der Lage fühlte, meiner Recherche nachgehen und trotzdem für meine Tochter da sein. Da die OP erst im zweiten Anlauf klappte, nachzulesen in meiner Facebook-Chronik, und ich mittlerweile mit den Vertretern der großen Hersteller Kontakt hatte, fiel meine Entscheidung auf Boston Scientific. Durch meine technische Vorbildung und mein mittlerweile relativ gutes Wissen über „meinen Parkinson“ wusste ich, dass diese für mich am ehesten geeignet war.
Ich bin nach wie vor der Meinung, dass man seinen Arzt kontrollieren soll und auch muss. Es tut ja sonst keiner.


 Das Versprechen

Ein mich behandelnder, führender Professor sagte sinngemäß: „Legen Sie die Fernbedienung ihres Stimulators ruhig beiseite, das schaffen wir auch mit einer kleinen Dosis Dopamin.“ Oder: „Sie können doch nicht erwarten, weil Sie eines der neuesten Systeme implantiert haben, dass ich Ihnen dabei helfen kann.“ Diese Aussagen stachelten nun meinen Ehrgeiz nur noch mehr an. Wenn nicht der Professor, wer denn dann? Es dauerte einige Zeit bis ich die passenden Einstellungen gefunden hatte. Aber da nichts passiert, was man nicht selber macht, experimentierte ich mit den Einstellungen so lange herum, bis es halbwegs akzeptabel war. Immer in Absprache mit meinem Neurologen. Ich führte monatelang Tagebuch darüber, bei welcher Einstellung sich was veränderte. Wie vor der OP bei der Einnahme der Medikamente, notierte ich jede Viertelstunde, wie ich mich gefühlt habe. Bis hin zu den Träumen. Einfach in fünf Schritten. ++, +, 0, -, –. Dadurch bekam ich einen Überblick, wie mein Körper auf meine „elektronische Krücke“ reagiert.
Und seither kämpfe ich mich Schritt für Schritt wieder ins „Leben“ zurück.

Als äußeres Zeichen meines wieder erstarkten Ich, färbte ich meine Haare rot, denn die rote Rose steht für die Liebe und das Leben, und die rote Tulpe steht für die Parkinsonkrankheit. Ich hatte es satt, dauernd für betrunken gehalten zu werden, deshalb machte ich es öffentlich. Siehe auch meinen Knopf im Ohr (ein Ohrstecker mit einer Tulpe), wie ein Steifftier, nicht kaputt zu kriegen.

Da es bei uns in der Umgebung und durch den Datenschutz kaum Patienten als Ansprechpartner gibt, mit denen man sich mal austauschen kann, versuche ich eine Art Kontakt-Datenbank aufzubauen. Ich will zumindest jeden, der meine Erfolgsgeschichte miterleben will, an meinem Leben teilhaben lassen, ohne es ihm aufzudrängen und auf der Mitleidsschiene Spenden zu sammeln. Es hätte mir damals sehr geholfen und mir den einen oder anderen Krankenhausaufenthalt sicherlich erspart.
Nun, ich brauchte irgendeinen Lichtblick und da ich mich mit der Technik der THS lange und intensiv beschäftigte, habe ich mir geschworen: „Wenn ich die OP gut überstehe, dann mache ich eine Wallfahrt zu meinem Namenspatron Anton von und nach Padua, egal wie.“
Es gab sicher einige Situationen, wo mir mein Glaube daran, dass ich das irgendwann, irgendwie schaffen kann, geholfen hat, die OP und die Folgen durchzustehen.
(Glaube versetzt eben Berge, Placebo-Effekt)

Vorbereitungen

Schließlich wandte ich mich direkt an den Hersteller meines Systems. Wieder langes Schweigen. Nach mehrfachem Nachfragen schließlich vorsichtiges Interesse und Vermittlung zum EPDA (Europäische Parkinson Vereinigung) und der PR-Agentur Weber Shandwick – vor allem durch die Fürsprache von Herrn Thomas Veit (Medizintechniker bei Boston Scientific). Ihn kannte ich ja schon von meiner OP. Er war als Technischer Assistent bei der OP mit dabei und gab meinem Professor die Einweisung, wie man das System richtig konfiguriert.
Weber Shandwick übernahm die Kontaktaufnahme mit den Selbsthilfe-Gruppen in Österreich und Italien und ich kümmerte mich in Deutschland um alles andere. Die Finanzierung konnte ich, dank der Hilfe meiner Frau, auch über die Bank lösen.
Nun ging es ans Organisieren und ans Training. Anfangs suchte ich noch nach einem Begleitfahrzeug, um mir das Ganze zu erleichtern und zum Gepäcktransport bzw. zur Sicherheit, wenn ich nicht mehr weiter kann. Einen Begleiter oder eine Begleiterin zu finden stellte sich als schwieriger heraus als ich dachte. Ich schrieb alles an was mir so gerade in den Sinn kam. Rundfunk, TV-Sender, verschiedene Parkinson Selbsthilfe-Organisationen, Zeitungen im In- und Ausland. Aber nur mit wenig Erfolg. Meine Frau musste ja arbeiten und meine Tochter geht noch zur Schule und fiel daher als Begleitung aus.
Aber auch das ließ sich irgendwie regeln.

Da ich mit meinem Ischias-Problem bei einem herkömmlichen Arzt keinen passenden Erfolg hatte, wandte ich mich an die Osteopathin meiner Frau, Alexandra Pauler. Und siehe da, mein Schmerz wurde beherrschbar. Als ich auf der Therapieliege lag und wir uns über meine Tour unterhielten, kam plötzlich: „Okay, ich bin dabei!“ Ich war verblüfft und froh zugleich. Einmal zur Sicherheit, andererseits als Gesprächspartnerin. Vor allem konnte Alexandra sehr gut Englisch und ich brauchte sowieso noch eine Pflegekraft. Ich bin zwar fit als „Parki“, aber so fit nun auch wieder nicht. Ich brauchte immer noch Hilfe. Somit konnte ich durch Alexandra das ganze Unternehmen erst so richtig ins Rollen kommen. Also ging ich an die Buchung der Hotels. Da ich überall Werbung dafür gemach hatte, lernte ich Benno durch die Vermittlung meines Professors, der meine OP geleitet hat, kennen. Benno ist auch THS-Träger aber nicht wegen Parkinson, sondern wegen Schiefhals (Torticollis).
In Sachen Buchung ziemlich unerfahren, hatte ich damit meine liebe Not. Die meisten Hotels hatten entweder noch geschlossen oder waren auf der falschen Seite vom Fluss bzw. zur nächsten Brücke waren es mehrere Kilometer ohne Radweg, oder sie hatten keinen Abstellplatz mit Lademöglichkeit für mein Rad, oder sie waren mir schlichtweg für mein kleines Budget zu teuer.
Nachdem ich das gelöst hatte, begann ich gegen Mitte September 2015 mit dem Training.
Ich radelte meist im Burghauser Forst auf Forststraßen, wenn es trocken war und wenigstens acht Grad hatte. Um die Aktion bekannt zu machen und um anderen Patienten zu zeigen, dass man auch als „Parki“ noch was bewegen kann, hatte ich viel, ja sogar sehr viel Glück.
Als Vorzeigepatient durfte ich die Focus-Auszeichnung von Professor Dr. Johannes Schwarz im Januar 2016 übergeben und meine Tour kurz vorstellen.
Getreu meinem Tour-Motto „Ich will noch was bewegen“ oder „Ein Mann, ein Fahrrad, ein Versprechen“.

Gleich nach der OP, ich war noch in der Reha-Kur, begann ich mit der Planung. Es war zu entscheiden: wie mache ich diese Wallfahrt bzw. womit. Erst dachte ich noch, ich gehe klassisch mit Rucksack und Wanderstock/Walkingstöcken, so wie Hape Kerkeling in „Ich bin dann mal weg“. Aber eine Art Ischias-Schmerz bei längeren Strecken, machte diese Planung zunichte. Ich merkte schnell, dass mir das Fahrradfahren auf dem Liegeradsimulator in der Reha-Kur gut tat. Also besorgte ich mir ein Pedelec-Fahrrad.

Noch in der Kur und voller Tatendrang begann ich damit zu trainieren. Ich musste aber bald feststellen, dass das mit meiner schwindenden Balance nicht unbedingt vereinbar war. „Kampfspuren“ von der „aufschnappenden Straße“ an Knie und Ellenbogen waren das Ergebnis. Es musste eine Lösung her, entweder mit Stützrädern oder irgendetwas ganz anderes.

Nach kurzer Internet-Recherche war ich bei einem Dreirad für Erwachsene, einfach ein behindertengerechtes Fahrrad. Ein normales Dreirad mit aufrechter Sitzposition kam wegen des Ischias-Schmerzes nicht in Frage. Also blieb nur ein Liegerad – ein Liegedreirad. Und da ich nur ein kleines Auto habe, musste es ins Auto passen, also klappbar und von mir alleine zu händeln sein. Wohlgemerkt, ich saß bei mehr als fünfzig Metern immer noch im Rollstuhl. Jetzt ging es um die Finanzierung. Ich brauchte jemanden, der mir das Rad vorfinanziert. Mein Eigenkapital war mittlerweile auf null geschrumpft und da ich seit über fünf Jahren in Frührente war, war ich für die Bank nicht kreditwürdig. Wieder begann ein Lauf von Pontius zu Pilatus.

Erst Behindertenberatung, dann zum Arzt (Überweisung), weiter zum Neurologen (Rezept) und zum Professor (Attest besorgen). Wieder zur Behindertenberatung, verschiedene Stiftungen anschreiben und die passenden Unterlagen zusammensuchen, durchschnittlich einhundert DIN-A4 Seiten, vom Sozialbericht bis zu den beglaubigten Kopien der Kontoauszüge. Schließlich die Schuldnerberatung. Alles ohne Erfolg. Auf Anfrage bei meiner Krankenkasse um Unterstützung oder Beteiligung an der Beschaffung eines Liegerades kam nur der Hinweis, dass dafür der Bezirk zuständig sei und man meinen Antrag dorthin weitergeleitet hätte. Die Idee, das Ganze über den Bezirk Bayern zu finanzieren (Sozialamt), war auch nicht möglich: Das Ergebnis klingt fast wie Hohn. Nach dem Einreichen der Anträge, Rezepte, Atteste und Gutachten des Gesundheitsamtes: Bekam ich einen Beileger vom Behindertentransport, mit dem Hinweis, dass ich mir den einmal die Woche zum Einkaufen kommen lassen kann. Außerdem erhielt ich einen Beileger von einem Elektro-Skooter bzw. eine E-Unterstützung für meinen Rollstuhl. Das gäbe es sofort auf Rezept …

Nach knapp sechs Monaten und mehrfachem Nachfragen bei den zuständigen Ansprechpartnern, kamen dann „Gott sei Dank“ die Flüchtlinge und da war für die Gesundheitshilfen für einen chronisch kranken Frührentner kein Geld mehr vorhanden. Man hat als chronisch Erkrankter in Deutschland schlechte Karten, wenn man mit der Krankheit und nicht gegen die Krankheit kämpft. Man kommt sich dann doch sehr alleine vor und beginnt das System in Frage zu stellen. Auch das beste System hat Fehler, es gibt keine systematische Beratung bzw. Nachsorge. Als chronisch Kranker, der zurück ins eigenverantwortliche Leben will, läuft man hier gegen Wände. Die Krankenkassen zahlen lieber für unnützen Schrott, als durch Zuzahlung den ein oder anderen Patient, der unter Eigenregie versucht sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, zu unterstützen.
Noch Fragen?
Keine! …


Es geht los!

Ich wollte noch ein Tour-Logo, eine Art Kurzformel oder Sigl. Es sollte immer und überall reproduzierbar und einfach sein.
= steht für die beiden Elektroden, das Grad ° steht für den Generator in der Brust, der lachende manchmal auch der zwinkernde Smiley steht für mich.
Und das Tour-Logo war geboren: =(:-)°

Okay, jetzt brauchte ich bloß noch eine Art Presseerklärung – mein Sozialbericht war dafür perfekt geeignet. Nur meine Schwägerin meinte, das liest doch keiner, das ist zu lang. Also machte ich daraus eine gekürzte Fassung. Perfekt. Dann ging es um den Termin, auch dieser sollte eine Symbolkraft haben.
Nach verschiedenen Möglichkeiten, fiel die Wahl auf den 7. Mai 2016 meinen 50. Geburtstag. Eine alte Werbe-Idee aus meiner Verkaufsberaterzeit konnte ich wieder aufgreifen und die Schlagzeile stand.
~50 Jahre alt, ~500 km vor sich, ~5000 Tage mit Parkinson.
Es stimmt zwar nicht ganz, klang aber besser.
Und dann ging es auch schon los.
Ich hatte alle informiert die ich kannte und es sind fast alle gekommen.
Die Verabschiedung am Kapellplatz war grandios. Meine Frau Christiane, meine Tochter Cordula mit ihren Freundinnen und Cheerleadern, mein Freund Lothar, Nachbarn, Bekannte aus der Selbsthilfegruppe, Vertreter vom Hersteller meiner Elektronik Boston Scientific, Stiftsprobst Günther Mandl, dritter Bürgermeister Konrad Heuwieser, Einrad-Kinder aus Kastl, Fredl Fesls Frau – Monika, mein platonischer „Kurschatten“ Sigrid mit Familie, mein ehemaliger Lehrbub Stefan den ich 14 Jahre nicht gesehen hatte und viele, viele weitere.
Dann kam der Start um ca. 10 Uhr am 7. Mai 2016 nach fast zwei Jahren Vorbereitung.
Nach unserer Verabschiedung machten wir uns auf den Weg Richtung Kastl. Auf den ersten fünf Kilometern begleiteten uns die Einrad-Kinder, Freunde und einige aus meiner Selbsthilfegruppe. Nach einer Emotionalen zweiten Verabschiedung in Kastl durch die Kinder mit dem Spruch „Ich mache keine Witze, Tony du bist Spitze“, sind wir dann zu sechst weiter unserem Tagesziel Freilassing entgegengeradelt. Professor Schwarz hatte noch einen Vortrag in Haag, kam jedoch anschließend wieder und war dann passend zu unserem ersten Halt wieder dabei. Die erste Station der Tour war dann in Asten, wo wir uns in der Dorfwirtschaft stärkten.
Vorbei am Leitgeringer See ging es dann rund 20 Kilometer weiter nach Fridolfing, wo wir im Naschwerk eine kleine Pause einlegten. Zum einen zum Kraft tanken und um sich etwas kennenzulernen, zum anderen um den Akku meines Liegerades ein bisschen nachzuladen. Nach rund 65 Kilometern sind wir dann um 18 Uhr in Freilassing angekommen. Hier trafen wir auch Herrn Dr. Ebner, Leiter der Parkinson Selbsthilfegruppe Salzburg (selber Parkinson-Patient), und verbrachten einen netten gemeinsamen Abend.
Am nächsten Morgen verabredeten wir uns mit Dr. Ebner kurz hinter der Grenze und er unternahm mit uns eine tolle Stadtführung in Salzburg per Fahrrad. Joe (Herr Dr. Ebner) hat uns am Wanderweg der sieben Schlösser durch Salzburg geführt und dann trafen wir noch den Vertreter von Boston Scientific Österreich. Anschließend ging es weiter über Hallein und Golling den Pass Lueg hoch.
Und da sind wir dann auf eine erste, aber nicht unüberwindbare Hürde gestoßen. Oben am Pass angekommen, war mein Akku leer und zur Weiterfahrt brauchte ich unbedingt wieder einen geladenen Akku, da uns der Anstieg in Werfen noch bevorstand.


Bergauf und Bergab

Aber leider war die Bedienung im Café nicht gerade kooperativ!!! Zunächst!!! Und Alexandra kam etwas geknickt mit der Nachricht zurück, dass für Gäste keine Steckdosen zur Verfügung stehen würden. Ich war lange genug im Verkauf, um zu wissen, wie man mit Kunden verhandelt und auch umgekehrt. Ich bin also mit kräftigen Schritten in das Lokal, zur „Hauptkreuzung“ zwischen Küche und Kasse, schnappte mir unsere Bedienung und bei kurzer Distanz mit einer aufrechten Körperhaltung und kräftiger Stimme, stellte ich mich vor und verwies auf mein Trikot mit dem Aufdruck: „Botschafter für Tiefe Hirnstimulation“ und bat um die Möglichkeit meinen Akku aufzuladen. Siehe da, auf einmal gab es jede Menge Steckdosen und ich durfte meinen Akku aufladen so lange ich wollte.
Die Abfahrt war genial, viele Kilometer nur bergab und dann war die Burg von
Werfen schon zu sehen und somit unser letzter Anstieg des Tages. Danach ging es nur noch bergab und wir sind entlang der Salzach nach Bischofshofen gefahren. Erste
Zwischenbilanz: Bis auf meine von der Sonne verbrannten Knie, den Oberschenkeln und
den Unterarmen, hatten wir noch keine gravierenden Schäden.
Nach einer ruhigen Nacht in einem schönen Landgasthof, waren wir ab 9 Uhr in der Früh wieder auf der Strecke. Bevor es losging fielen wir noch in einem Fahrradfachgeschäft fast gegenüber ein. Durch die starke Sonne der letzten Tage hatten wir gewaltige Sonnenbrände und deckten uns erst einmal mit Ärmlingen und Beinlingen ein. Ich glaube, die haben noch nie so viel Equipment auf einmal verkauft wie an diesem Vormittag. Dann radelten wir los und es war wie am Tag zuvor: Wunderschöne Wege entlang der Salzach und in null Komma nichts waren wir am Bahnhof in St. Johann. Auch das Einsteigen in den Zug in St. Johann war kein Problem, weil uns der nette Schaffner geholfen hat, die Räder einzuladen. Auch auf den Bahnsteig sind wir problemlos gekommen, da dort eine Rampe für uns war. Die Fahrt von St. Johann nach Mallnitz war recht entspannt und schön.


Frühschoppen im Speisewagen …

Im Zug wurden wir von einem Zugbegleiter angesprochen, weil er mitbekommen hatte, dass wir nach Padua wollten. Er gab uns gleich einen Tipp, in welcher Wirtschaft wir auf der italienischen Seite einkehren sollten. Nach einer entspannten Fahrt stiegen wir in Mallnitz aus. Auch dort hatten wir super tolle Hilfe. Aber dann führten auf dem Bahnhof in Mallnitz nur Stufen nach draußen. Runter und dann wieder rauf.
Schließlich konnten wir den Weg ins Freie aber doch noch finden, denn nur gemeinsam ist man stark. Wir kamen abends gut in Sachsenburg an und hatten einen netten Abend, den wir mit gutem Rotwein und Chips ausklingen ließen.
Der vierte Tag unserer Tour begann mit einem Interview mit der Kleinen Zeitung, die entgegen ihres Namens jedoch die größte regionale Tageszeitung in Österreich ist. Nachdem wir die Fragen des Redakteurs, Herrn Stöflin, beantwortet hatten, starteten wir etwas später als üblich und kamen direkt in den Regen. Das konnte uns aber nicht aufhalten: Regenkleidung an und weiter. Es hat bis zu unserer Mittagspause, die wir bei einer sehr liebenswürdigen Jausen-Station einlegten, geregnet. Hier gab es nichts, was sie nicht selber produzierten – außer Kaffee. Einfach klasse! Frühschoppen mit Apfelmost – jeder zweimal eine Halbe – Hicks … Wir haben ihn Alpenmost getauft.


Dann der Regen!

Nachdem wir uns erholt und gestärkt hatten, setzten wir am Nachmittag die Tour fort. Mit vollem Magen fiel mir das Treten etwas schwerer (vielleicht lag’s auch am zusätzlichen Gewicht!!!). Immer entlang des Flusses Drau und durch die schier endlosen Uferlandschaften. An manchen Stellen war die Strecke auch nicht unbedingt für mein Liegetrike geeignet, aber nach kleinen Pausen am Wasser und unterwegs ein bisschen „ratschen“ mit Einheimischen, kamen wir abends gut in Villach an.
Vor unserem Start am nächsten Morgen in Villach suchten wir zuerst einmal eine Radwerkstatt auf, wo die Außenspiegel meines Rads wieder vernünftig befestigt und die Kette geölt wurde. Bei unserer Abfahrt in Villach wurden wir dann auch geblitzt. Alexandras Mann hat uns per Webcam gesehen … Wir waren aber so schnell, dass uns keiner mehr erwischt hat. Da waren wir schon auf dem Weg nach Italien.
Auf der dann folgenden Etappe von insgesamt rund 60 Kilometern überwanden wir etwa 450 Höhenmeter. Am Ende verfuhren wir uns dann auch noch ein bisschen.
Überall wohin das Auge reichte – hinter uns, neben uns – nur Berge und vor uns der Radweg.
So übersahen wir glatt unser Hotel bzw. die Ausfahrt, sodass wir noch einmal ein paar Kilometer zurück nach Valbruna radeln mussten. Es war aber auch ein Schietwetter.
Wie bei unserer Tour üblich, waren die Gaststätten in den Hotels und außen rum meist noch geschlossen. Saisonbeginn ist hier erst Mitte Mai. Wir trafen aber stets nette und freundliche Menschen, die uns gerne weiterhalfen. An diesem Tag eine sehr nette Bedienung, die uns zu einer Käseplatte sogar noch extra frisches Brot aufgebacken hat. Sonst hätten wir die fünf Kilometer zur nächsten Wirtschaft mit dem Taxi fahren müssen.

Nach einer entspannten Nacht erwartete uns am nächsten Tag eigentlich ein entspannter Tag. Insgesamt hatten wir nur knapp 45 km auf dem Programm und noch dazu nur bergab. Aber irgendwie ging der Tag gleich komisch los. Es hat wie aus Eimern geregnet und wir waren uns absolut uneinig, ob wir gleich losfahren oder noch abwarten sollten. Nachdem wir uns fürs direkte losfahren entschieden hatten, gingen wir in den Keller des Hotels zu unseren Rädern. Hier erlebten wir eine Überraschung: Mein Akku hatte über Nacht nicht geladen und war daher komplett leer. Also mussten wir den Akku noch einmal an den Strom anschließen. Anscheinend hatte die Steckdose einen Wackelkontakt (Verteiler im Verteiler …). Die Zeit nutzten wir einfach für einen vorgezogenen Frühschoppen und stießen auf den einsetzenden Platzregen an. Man sollte eben das Beste aus jeder Situation machen.


Udine in Sicht

Etwa nach einer Stunde ging Alexandra dann in den Keller, um nachzuschauen, ob der Akku in der Zwischenzeit geladen hatte, aber sie kam sofort zurück. Der ganze Keller stand etwa 2 cm tief unter Wasser. Wenn das Ladegerät nicht auf einer meiner Taschen gestanden hätte, wäre unsere Tour ab diesem Zeitpunkt nur unter erschwerten Bedingungen zu bewältigen gewesen. Wir hatten also wieder einmal viel Glück. Wir sind dann einfach im strömenden Regen losgefahren und es hat den ganzen Tag einfach nicht aufhören wollen. Von der wunderschönen Strecke haben wir nicht viel gesehen, von den Wasserfällen und den endlosen weitläufigen Tälern konnten wir nur was erahnen. Dampf und Wolken bis runter, fast in Kopfhöhe. Die Strecke, die wir an diesem Tag gefahren sind, befindet sich nämlich auf einer alten Gleisstrecke. Man fährt quasi wie auf Schienen an verlassenen Dörfern vorbei, kann den Verfall der Bahnhöfe verfolgen und die idyllische Schönheit der Strecke bewundern. Angesichts des heftigen Regens machte das Ganze aber nur bedingt Spaß. Wenn man nämlich den Kopf nach rechts oder links gedreht hat, ist es einem auf der anderen Seite den Hals heruntergelaufen. Darüber hinaus hatten wir heute mit so einigen Schwierigkeiten zu kämpfen. Mitten aus dem Nichts tauchte auf einmal eine kurze, steile nach unten führende Rampe auf dem Weg auf, die nach etwa 10 Metern in eine 90-Grad-Kurve überging.
Echt spaßig mit dem Liegerad. Eigentlich empfahlen Schilder am Rand, man solle absteigen und schieben, aber das geht mit einem Liegerad nun einmal nicht. Nach weiteren 50 Metern hörte der Weg dann einfach vor einer langen Treppe auf. Hier hätte ich alleine nicht weitergekonnt. Daher galt wie immer: Nur gemeinsam kommt man weiter! Wenigstens konnten wir die Räder an diesem Tag einfach laufen lassen. Es ging leicht bergab, so dass wir uns von den anstrengenden Etappen der vorherigen Tage etwas erholen konnten.
Daher sind wir relativ schnell an dem Lokal angekommen, das uns der nette Schaffner aus dem Zug nach Mallnitz empfohlen hatte. Während wir beim Essen waren, hörte es auch auf zu regnen. Angefangen hat es dann natürlich wieder, als es weiterging. Pech … Obwohl es nicht mehr weit bis zum Hotel in Venzone war, sollten wir es nicht so leicht haben. Unser eigentlicher Weg war einfach abgesperrt. Vorher hatte es keinen Hinweis und kein Zeichen gegeben. Auf einmal standen wir vor einer Absperrung. Ein Tunnel war anscheinend noch nicht wieder freigegeben. Daher mussten wir zurück zur Straße und die restlichen Kilometer auf einer Bundesstraße zurücklegen, was nicht besonders schön war. Nach kurzer Zeit konnten wir unser Hotel dann aber auch erreichen und uns trockenlegen. Ein netter Abend, Alexandra ist sehr unterhaltsam und Benno meistens ko. …
Am siebten Tag unserer Tour fuhren wir durch wunderschöne Landschaften. Durch Dörfer, denen man es auf den ersten Blick nicht ansah, dass sie überhaupt noch bewohnt sind und über reißende Flüsse und riesige Brückenbauten. Benno überlegte sich immer, wie man so etwas überhaupt bauen kann. Landschaftlich richtig schön und beeindruckend. Unser erstes Tageshighlight hatten wir in einer kleinen Bar, in der wir Frühschoppen machten, um die Strecke und den weiteren Tagesablauf zu planen. Ein Ehepaar aus Deutschland sprach uns an. Die beiden waren nämlich nach Sizilien geflogen und jetzt auf dem Weg zum Nordkap – mit dem Rad! Und hier mitten im italienischen Hinterland trafen wir jetzt auf die Zwei. Es sind diese kleinen Begegnungen, die uns auf dem Weg nun schon öfters passierten und die machten diese Reise insgesamt so spannend und wertvoll. Ich wünsche Birgit und Andreas alles Gute auf ihrem Weg und danke für die Zeit mit Euch. Nach dieser Begegnung schwangen wir uns wieder aufs Rad und fuhren weiter durch weitläufige Wälder bergauf und bergab – immer unser Tagesziel Udine vor Augen.


Ich fühle mich wie ein VIP

Wir hatten uns auch mal für ein paar Kilometer verfahren. Als wir endlich in Udine ankamen, wo wir lokale Parkinson-Patientengruppen treffen wollten, konnten wir zuerst den Treffpunkt nicht finden. Daher haben wir die Ansprechpartner vor Ort per Handy kontaktiert und die sagten, wir sollten einfach an Ort und Stelle warten. Sie konnten ja anhand von meinem GPS-Trecker sehen wo wir waren. Und was dann kam, war für uns alle der absolute Höhepunkt dieses Tages. Von zwei Polizeiautos mit Blaulicht wurden wir in die Mitte genommen. Zuerst ich, dann Alexandra mit Benno. Sie schleusten uns mit Blaulicht durch die Stadt. Wir überfuhren rote Ampeln, die Polizeiautos sperrten vorfahrtberechtigte Straßen einfach ab, damit wir durchfahren konnten und wir fuhren sogar entgegengesetzt durch Einbahnstraßen, bis wir schließlich durch die Fußgängerzone am Museum der Moderne ankamen. Ein herzlicher Dank an dieser Stelle der Polizia Locale. Wir kamen uns vor wie Staatsgäste mit Eskorte. Einfach genial, wie hier die Polizei „mit ihren Bürgern lebt“. (Bemerkung am Rande: „Obwohl unsere Polizei-Station den Tour-Start wusste, ich hatte es unserer PI bereits Tage vorher mitgeteilt, war es meiner Meinung Personalmangel— vertane Chance!“). Dort waren noch mehr Polizisten und Polizistinnen und Menschen, die schon auf uns warteten und applaudierten. Einfach wahnsinnig schön und sehr emotional. Die waren alle wegen mir gekommen – für mich kaum auszuhalten!
Nach der offiziellen Begrüßung durch die Stadt Udine und diverse Professoren/Dr./VIPs gingen wir ins Museum und dort haben etwa 50 Parkinson-Erkrankte mit ihren Angehörigen auf mich gewartet. Ich erzählte ihnen von meiner Geschichte und der Tour, und dass man sich von dieser Krankheit nicht in die Knie zwingen lassen darf. Anschließend hat der Chor der Patientengruppe gesungen, was emotional sehr aufgeladen und ergreifend war.
Mir kamen fast die Tränen. Freude schöner Götterfunken oder die Arie des Gefangenenchors aus Aida und natürlich die italienische Nationalhymne. So tolle Stimmen. Und selbst die schwer Erkrankten haben mitgesungen oder mitgeklatscht. Man kann sich nicht vorstellen, wie dieser Moment auf mich gewirkt hat. Sehr, sehr schön … Mir fehlen dazu die Worte …
Viele Erkrankte hatten auch Fragen, gratulierten mir zu meinem Mut oder hatten kleine Geschenke dabei. Ein junger Mann hatte extra Blumen gepflückt und einen Wiesenblumenstrauß gebunden, und gesagt, dass er bei der nächsten Tour mit dabei ist. Ich komme darauf zurück, irgendwann. Ich weiß nicht, wie man chronisch kranken Menschen mehr Mut zusprechen kann, als mit der Aktion, die da gelaufen ist. „Ich will noch was bewegen“ – ich habe es wirklich geschafft.
Ich war und bin der Hoffnungsträger für ihre Zukunft!
Nach dieser Vorstellung wurden wir wieder mit Eskorte und Blaulicht ins Hotel gebracht. Ein Tag, der lange, sehr lange, in Erinnerung bleiben wird.
Den Tag danach hatten wir frei, und nutzten ihn auch dementsprechend. Wir fuhren mit
dem Taxi, denn lange Strecken gehen fällt mir immer noch nicht leicht, in die Stadtmitte,
sprich in die Altstadt und haben einen ruhigen Tag genossen.
Am nächsten Tag fuhren wir bei strahlendem Sonnenschein relativ spät los und
ich musste leider gleich mal feststellen, dass sich irgendjemand meine Fahne als Souvenir mitgenommen hatte. Das ist zwar ärgerlich, war aber anscheinend nicht zu vermeiden, da wir im B&W in Udine keinen abgesperrten Raum für unsere Fahrräder hatten, sondern nur einen Stellplatz in der Tiefgarage. (Ich hoffe sie bringt demjenigen Glück.) Als ich mich dann an der Rezeption meldete, hatte die Dame Mitleid und spendierte uns gleich noch 6 Flaschen Sprudelwasser. Danke, sehr aufmerksam!


Pizza und Vino

Aber nichtsdestotrotz sind wir mit guter Laune gestartet. Gott sei Dank war Sonntag und somit wenig los auf der Straße. Es ist gar nicht so ohne, durch eine Stadt zu fahren, die fast keine Radwege aufweist. Wir kannten uns in Udine auch leider nicht so gut aus. Aber es ist wie immer: Es gibt überall freundliche Menschen, die uns mit Händen und Füßen, mit Hilfe von einigen Brocken italienisch von unserer Seite und auch englisch oder gar deutsch von deren Seite, fast liebevoll weiterhalfen. Dann fuhren wir durch kleine Dörfer und durch wunderschöne saftig grüne Landschaften. Und nach 20 km legten wir unseren üblichen Frühschoppen ein. In einem kleinen Nest im nirgendwo. Aber die Leute sind so freundlich, so nett und zuvorkommend, das kann man sich nicht vorstellen. Und das Lustigste war, dass wir dort auf eine Frau getroffen sind, die deutsch sprach. In den Restaurants gibt es streng getrennte Frauen- und Männertische. Der Tisch der Männer war sehr ernsthaft und da wurde nur über Politik und natürlich über Sport gesprochen. Bei den Frauen ist es gleich lustiger zugegangen. Die haben wild durcheinandergeredet und wenn wir Fragen hatten, musste Juliana gleich als Dolmetscherin herhalten. Aber auch die schönste Pause geht einmal zu Ende und leider mussten wir uns kurz danach wetterfest anziehen und bis zum Hotel in unserer Regenkleidung bleiben. Nach einigen Kilometern fuhren wir durch ein kleines Dorf und wussten nicht, wie es weitergeht. Aber da hielt auch eine Frau an, mitten auf der Straße, und erklärte uns den Weg. Und in diesem kleinen Dorf hatten wir auch einen vierbeinigen Begleiter. Der freute sich so über uns, dass er gleich mal ca. 1,5 km mit uns mitlief.
Kurz danach fuhren wir durch eine Schlossanlage, da war ein riesiges Festival (Dogenfest) zugange, mit Freilichtbühne, vielen Zelten und natürlich Essens- und Getränkeständen. Aber da konnten und wollten wir keine Pause machen – der Trubel war uns zu viel.
Nach schier endlosen Kilometern, die wir mangels Radwege leider auf der Straße verbringen mussten, sind wir in der Großstadt Portogruaro angekommen. Aber wo ist unser Hotel?
Da kam wieder die Freundlichkeit der Italiener durch. Wir standen am Straßenrand und befragten Google Maps und Falk.de und auf einmal kam eine Frau aus einem Haus, fragte uns, wo wir hinmüssten und nach einem kurzen Gespräch meinte sie: „Ach, das ist so schwierig zu erklären.“ Wenn es uns nichts ausmachen würde, brächte sie uns direkt mit dem Rad dorthin. Sie brauche nur noch 5 Minuten, sie müsse sich noch die Jacke anziehen. Ob sie uns in der Zwischenzeit eine Tasse Tee anbieten könne. Wir waren erst mal perplex und bevor wir wieder auf unseren Rädern saßen, stand sie schon mit dem Rad da und brachte uns auf Schleichwegen durch Portogruaro bis zu unserem Hotel. Einfach super! Danke.
Und das Beste war, an diesem Tage war das Fest des Dogen von Venedig und dieser zog mit seinem Hofstaat in supertollen Gewändern durch die Fußgängerzone (da lag unser Hotel). Und die Hofherren und Hofdamen mit ihren Begleitern führten verschiedene Tänze auf. Sehr toll zu beobachten, aber ein sehr heftiger Trubel. In einer kleinen Seitenstraße genehmigten wir uns dann noch eine „Straßenpizza“. Wir setzten uns in unser Hotel und ließen den Tag bei einem Glas guten Rotwein ausklingen.


Am Limit

Unser Start in Portogruaro ging schon mal spannend los. Entgegen der Beschreibung in unserem Hotel gab es an der Information keine Radwegekarte. Und so gingen wir in der Früh erst mal auf die Suche nach einer entsprechenden Karte. Zum einen, weil es zwischen Portogruaro und Mestre, dass ja unser nächstes Ziel war, nur die Autobahn oder eben die Schnellstraße gibt. Und auf beiden Strecken dürfen keine Radfahrer fahren. Und ausgewiesene Radwege gibt es leider auch nicht, zumindest keine ersichtlichen.
Also entschlossen wir uns nach dem Studium der Karte dazu, den Weg runter an die Küste zu nehmen und dann quer rüber nach Mestre zu fahren. Außerdem standen wir ein bisschen unter Zeitdruck, weil die Damen und Herren der Selbsthilfegruppe aus Mestre um 17 Uhr auf uns warteten und wir knapp 70 km Strecke vor uns hatten. Leicht war die Strecke nicht. Anfangs ging es an einem kleinen Fluss entlang und wir konnten von Zeit zu Zeit sogar auf einem Radweg fahren. Den größten Teil der Strecke mussten wir aber zwischen Lastwagen und schnell fahrenden Autos unseren Weg suchen, das war kein Spaß. Und wie jeden Tag haben wir nach 20 km Fahrt eine Pause eingelegt: Zum Kraft tanken und auch, um die weitere Fahrt zu besprechen. An diesem Tag legten wir aber keinen großen Wert auf eine schöne Strecke, sondern darauf, viele Kilometer zu fahren, damit wir um 17 Uhr Mestre erreichten und die Parkinson-Erkrankten nicht so lange auf mich warten müssten. Aber nach knapp 60 km war Schluss. Wir saßen in einem kleinen Dorf fest und ich musste leider feststellen, dass meine Kraft nicht mehr ausreichte, um pünktlich anzukommen. Nach einigen Diskussionen einigten wir uns darauf, mit einem Taxi nach Mestre zu fahren. Der Taxifahrer holte uns gegen 16 Uhr ab und fuhr uns nach Mestre. Und das war gut so. Wir hätten es vielleicht noch geschafft, aber ich wäre dann fix und fertig angekommen. Davon hätte niemand etwas gehabt. Die Menschen, die auf mich warteten, wollte ich nicht enttäuschen! Und es war richtig, ich wurde mit Applaus empfangen. Es waren auch bekannte Gesichter, wie Francesco von der EPDA oder Silvia und Giovanna von Parkinson Italia dabei. Die Gesichter kannten wir schon aus Udine. Mir wurden viele Fragen gestellt. Nach einer Stunde wollten uns Tony Marra, Daniela und meine Übersetzerin zum Hotel begleiten. Es stellte sich heraus, dass wir das gebuchte B&B Hotel leider nicht beziehen konnten, weil keiner dort erreichbar war.
Daniela konnte uns dann aber innerhalb von 5 Minuten eine neue Unterkunft organisieren. Ein ganz großes DANKESCHÖN an dieser Stelle an Daniela. Wir sind dann abends noch ein bisschen „Bummeln“ gegangen, um uns von der Altstadt von Mestre und von der Geschichte gefangen nehmen zu lassen. Und wir freuten uns auf den nächsten Tag, weil Toni Marra, ein Arzt und Parkinson-Patient mit THS, zugesagt hatte, uns aus Mestre und auf die Strecke nach Padua zu bringen.


Die Zielgerade

In der Früh haben wir zunächst einmal gewartet, bis wir alle Teilnehmer unserer letzten Etappe eingesammelt hatten. Das waren: Alexandra, Benno, Tony, Matteo, Vicente, Raffaele und ich. Das sind alles BST-Mitarbeiter. Matteo für die Kommunikation, Raffaele für den Vertrieb und Vicente ist der Europa-CO, der extra aus Paris eingeflogen kam.
Und dann ging‘s los. Wir sind aus Mestre, einer Stadt, die eine bezaubernde Altstadt hat, aber auch ein großes Industriegebiet, auf eine wunderbare Art und Weise geführt worden. Vorbei an Villen, die von einer anderen Zeit erzählen, als der Adel noch einen großen Einfluss hatte. Vorbei an großen Parks, die oft nicht mehr zugänglich waren, weil sie verwildert sind. Und wir haben verfallene Adelshäuser bzw. Landsitze gesehen. Traumhaft schön, aber leider verlassen und größtenteils dem Verfall preisgegeben.
Unsere Streckenführung ging immer entlang eines kleinen Flüsschens und an ruhigen Nebenstraßen mit wenig Verkehr. Toni wollte uns auf dieser Strecke eine kleine Führung durch ein Herrenhaus mit dazugehörigem Garten zukommen lassen, aber leider war dies nicht möglich, da man den Garten mit dem Haus nur im Rahmen einer Führung ansehen kann. Die Zeit hatten wir aber leider nicht. Wir hatten unseren Begleitern gleich am Anfang unserer Etappe gesagt, dass wir nach 20 Kilometer immer eine Pause eingelegt haben, und dass wir dieses Ritual auch am letzten Tag beibehalten.
Leider hat uns nach wenigen Kilometern Tony Marra verlassen. Seine Frau hat ihn abgeholt – „er muss noch etwas vorbereiten“ – und wir waren fasst auf uns gestellt.
Diesmal übernahm Matteo die Führung der Etappe, wen wundert´s, schließlich ist er der Mann der Kommunikation. Somit lotste er uns per Handynavigation perfekt nach Padua. Herzlichen Dank nochmal dafür. Unsere Pause, in einer kleinen Stadt namens Dolo, die wir in einem wunderschönen Café auf einer Brücke verbrachten und uns die Sonne ins Gesicht scheinen ließen, nutzten wir auch noch für einen kleinen Snack. Dass wir auf unserer letzten Etappe so schönes Wetter hatten, war einfach genial. Und weiter ging’s durch kleine Straßen, kleine Örtchen, immer an einem kleinen Flüsschen entlang. Und so haben wir uns Kilometer für Kilometer Padua genähert. Es war das erste Mal, dass wir zu schnell unterwegs waren, und so mussten wir irgendwo auf der Strecke in einem kleinen Café nochmal eine Pause einlegen. Nach circa einer halben Stunde fuhren wir weiter. Die Herren, die uns auf der letzten Etappe begleiteten, hatten jetzt langsam aber sicher die Hosen voll – voller „Knödel“. Sie haben angefangen, zu jammern, dass ihnen der verlängerte Rücken wehtun würde. Wir konnten natürlich nur darüber lächeln, nach den vielen Kilometern, die wir auf dem Sattel verbracht hatten, bzw. ich in meinem Sitz. Der nächste Halt war dann schon in Padua, aber nicht auf der Piazza della Valle, sondern vor dem Krankenhaus in Padua. Aber nicht zur Einweisung oder sonstigen Schwierigkeiten, sondern wir haben Prof. Antonini abgeholt, der noch seine Visite beendete, und der es sich nicht nehmen lassen wollte, mich auf der letzten Strecke mit dem Fahrrad zu begleiten.


Ziel erreicht!

Meine Nervosität steigerte sich immer mehr und ich wurde immer ruhiger, zumindest nach Ansicht von Alexandra. Professor Antonini führte uns durch die Altstadt, mittlerweile war die Gruppe ja wieder auf sieben Radler angewachsen, bis zur Kirche des hl. Antonius. Aber da war immer noch nicht Endstation. Wir mussten wieder warten, weil irgendwas nicht fertig war. Und endlich durften wir auf den Platz della Valle einfahren. Dann die Einfahrt in das große Oval. Ich hatte es geschafft, ich hatte es wirklich geschafft. Ich als einfacher, unheilbar kranker Mann konnte so viele Menschen mobilisieren, so vielen Hoffnung geben. Es war überwältigend. So viele Menschen. Händedruck hier, Schulterklopfen da und dann konnte ich endlich mal aufstehen um einen Überblick zu bekommen. Es waren fast alle wichtigen Personen anwesend, die sich von Anfang an für mich eingesetzt hatten. Unter anderem Thomas Veit von Boston Scientific, den eine Kfz-Panne in der Nähe festhielt und der trotz Urlaub mit seiner kompletten Familie zur Begrüßung gekommen war. Es waren einige dabei, die wir bereits aus Udine, Portogruaro bzw. aus Mestre kannten – unter anderem Toni Mara. Nun wussten wir, was er so Wichtiges vorzubereiten hatte. Und dann auch noch eine ganz wichtige Person, eingefädelt durch meine Begleiterin Alexandra, die ohne mein Wissen extra mit dem Zug nach Padua gekommen war. Ohne die diese Aktion ja schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt gewesen wäre. Sie war es, die mich immer unterstützt hat. Egal, wie verrückt meine Ideen auch waren, sie hat mir immer den Rücken freigehalten und es macht mich stolz, dass sie meinen Namen trägt, die Frau meines Lebens:
„Meine Frau Christiane Seidl!“
Die Messe nach der Besichtigung des Sarkophags, die extra für mich zum Teil in Deutsch gehalten wurde, habe ich nur noch „schwebend“ wahrgenommen. Auch die Eintragung in das goldene Buch in der Kirche des hl. Antonius konnte ich nur noch „mechanisch“ abhandeln.
Ich konnte erst nachdem wir unser Zimmer im Hotel bezogen hatten und uns frisch machen konnten, wieder klar denken.
Und somit konnte ich erst am Abend das Essen, zu dem wir eingeladen wurden, genießen.
Am nächsten Tag hatte ich dann noch eine Pause eingeplant. Wir genossen das schöne italienische Flair und machten auf „ Dolce Vita“. Dabei hatten wir noch ein schönes Erlebnis. Wir saßen wie üblich beim Frühschoppen, gegenüber der Kirche St. Antonio. So nach einer Stunde, als wir gehen wollten, ging ich zur Bedienung um zu bezahlen. Die winkte jedoch ab, es sei schon bezahlt. Dies hätte eine ältere blonde Dame bereits übernommen. Danke an dieser Stelle dafür, es hat mich wirklich sehr gefreut.
Die Rückfahrt mit der Bahn war dann kein Problem. Wir hatten ja schon Übung mit Rädern und Treppen. Wozu Platzkarten? Frühschoppen im Speisewagen!
Wir wurden zu Hause von unseren Familien, Mitgliedern der Selbsthilfe-Gruppe und vielen anderen, wie Sieger empfangen.
Es ist schön zu Reisen, aber es ist noch schöner, nach Hause zu kommen und zu spüren, dass man vermisst wurde.