Ein anderer Weg (Teil 2/3)

Natürlich habe ich nach der Diagnose auf Anraten des behandelnden Neurologen sehr zügig mit der medikamentösen Therapie begonnen und einen Dopaminagonisten eingeschlichen. Das Einschleichen hat sich nach nicht einmal einem Jahr bis zur Höchstdosis erhöht. Meinen Tremor habe damit aber nie in den Griff bekommen. Dafür steigerten sich meine schon länger vorhandenen Schlafstörungen in ein unerträgliches Ausmaß. Mein Nachtschlaf reduzierte sich auf etwa 2 Stunden, wobei auch durchaus mal eine Nacht ganz ohne diesen enden konnte. Dafür stellten sich eine enorme Tagesmüdigkeit und Schlafattacken ein. Ich litt unter Schreckhaftigkeit und unter Zuckungen in den Gliedmaßen, sobald ich zur Ruhe kam.

An Autofahren war nun praktisch nicht mehr zu denken, wenn ich das Lenkrad nur anschaute, wurden meine Augen schon schwer. Dies war für uns natürlich ein herber Verlust, da meine Frau auch nicht mehr fahren konnte.

Bei der Arbeit hatte dies natürlich auch seine Konsequenzen. Zum Glück hatte ich einen sehr verständigen Chef, der mir zugestand, auch früh morgens arbeiten zu dürfen, um dann wieder früh nach Hause zu gehen. So gab es manch einen Tag, der schon morgens um 3 Uhr im Büro begann.

Das Eindösen in unserer wöchentlichen Teamsitzung war garantiert, was ein liebe Kollegin auf die Idee brachte, sie könne die Besprechung auf Band aufnehmen, damit ich mir diese nachts als Schlafmittel anhören kann.

Leider nahm das Einschlafen am Arbeitsplatz aber stetig zu, und meine psychische Verfassung im gleichen Masse ab.

Privat war es nicht viel besser, da ich eigentlich zu nicht mehr viel zu gebrauchen war. Manchmal fielen mir mitten in einem Gespräch die Augen zu.

Ich wollte nichts unversucht lassen, um diesen Zustand in den Griff zu bekommen.

Somit war der erste logische Schritt ein Wechsel des Agonisten. Da mir der langsame Weg nicht so liegt, habe ich dieses natürlich zuhause von heute auf morgen gemacht. Dies brachte mir 3 Tage die Hölle ein, in denen ich nicht einmal geschlafen habe. Mein Körper reagierte mit unkontrollierbaren Bewegungen, welche jeglichem Restless Leg Syndrom die Stirn bieten konnten. Ich fühlte mich nicht nur wie der lebende Tod, ich glaube, ich sah auch so aus. Dieser harte Entzug ist nicht empfehlenswert und brachte mir zu recht viele Proteste aus meiner Umgebung ein. Aber irgendwann enden alle Symptome des körperlichen Entzugs und der neue Agonist setzte mit seiner Wirkung ein. Zu meinem Leidwesen mit nicht weniger Schlafstörungen als der vorherige.

Der nächste Weg führte mich ins Schlaflabor einer Uniklinik. Wie im nach hinein  eigentlich klar war, wurden dort keine Erkenntnisse gewonnen, welche mir weiter helfen konnten. Nur eines wusste ich jetzt, dass die diensthabende Nachtschwester wohl selten eine so bewegte Nacht gesehen hat.

Nach einigen Gesprächen mit der behandelnden Psychiaterin ließ ich mich dann gerade mal knapp 2 Jahr nach der Diagnose in eine psychosomatische Klinik einweisen, in der ich die nächsten 6 Woche verbrachte. Hier kamen mir dann ernsthafte Zweifel an der Diagnose Parkinson, welche ich damit quittierte, dass ich heimlich meine Medikamente absetze. Mich wundert noch heute, dass dies weder einem Arzt noch dem Pflegepersonal aufgefallen war. Mein Tremor war klassisch, und ich schlich durch die Gänge wie ein überalterter Geist. Nichts desto trotz wurde ich unwissentlich auf dem Stand Null-Medikamente entlassen und konnte dies dann zuhause auch noch 6 weitere Wochen aufrechterhalten.

Dann musste ich mich nach einer nächtlichen Tremor Attacke in die neurologische Notfallambulanz der Uniklinik begeben, wo mir umgehend ein Drink mit Madopar LT  eingeflößt wurde. Und siehe da, ich war bald wieder die Ruhe in Person und hatte somit durch diesen erneuten L-Dopa-Test nochmals die Bestätigung meiner Diagnose. Nun konnte ich die Phase meiner Zweifel abschließen und akzeptieren, dass ich diese Krankheit habe. Mein Weg zu L-Dopa und einer niedrigen Dosierung eines Agonisten war jetzt geebnet. Jedoch nicht der Weg zu einem besseren Schlaf, den ich jedoch in meiner Medikamentenpause gefunden hatte.

So quälte ich mich nun noch gute 9 Monate durch mein Arbeitsleben, bis nach vielen Gesprächen und einem letzten Schlüsselereignis zum Thema am Arbeitsplatz einschlafen, meine Entscheidung feststand, dass mein letzter Arbeitstag gekommen ist.

War dies ein weiterer Schritt in den Abgrund oder die Chance, sich auf andere Art mit der Krankheit auseinander zu setzen?

Daher kam bei mir immer mehr der Gedanke auf, ob diese schnelle Verschlechterung tatsächlich dem Parkinson zuzuschreiben ist, oder hier nicht Stress als auch die Medikamente mit ihren Nebenwirkungen eine verantwortliche Rolle spielten. Ich wollte nicht in die Spirale der ständigen Steigerung der Medikamentendosis geraten.

Kotti

Ein anderer Weg (Teil 3/3)