Die verlorene Zeit

Wenn der Tag nur mehr neun Stunden hat, dann fragen Sie sicher, wie ich das meine.

Am besten, Sie rechnen gleich mit mir mit.
Um sechs Uhr morgens nehme ich meine Parkinson-Tabletten. Parkinson, werden Sie fragend einwerfen und was das mit der Zeit zu tun hätte.
Nun, eben dieser Parkinson stiehlt meine Zeit.

Ich stehe so gegen halb sechs Uhr morgens auf. Eigentlich stehe ich nicht auf, sondern ich robbe mühsam bis zur Bettkante, drehe mich, lasse die Beine überhängen, richte mich auf und lasse mich nach vorne kippen, wo mich die Zimmerwand fängt. Die Hände übereinander taste ich mich die Mauer hoch und richte mich dabei schmerzfrei auf.
Ich stehe.
Nun sollte ich vorwärts gehen, eben zu den Tabletten, die im Wohnzimmer warten. Ich komme nicht vom Fleck. Ich schaukle hin und her, doch der linke Fuß lässt sich nicht heben. Ich drehe den Oberkörper zur Seite und entlaste den Fuß vom Gewicht, indem ich mich gegen die Wand lehne. Nun lässt sich der Vorderfuß drehen und der erste Schritt folgt. Ich tripple kleinschrittig über den Gang ins Wohnzimmer.

Noch hat meine Zeit nicht begonnen.
Ich habe die Zeitung, die vor der Türe liegt, vergessen, also zurück trippeln, nachdem ich wie oben erst nach Minuten die Umdrehung geschafft habe und die Türe öffnen. Das Bücken müht. Wieder umdrehen. Gut, dass mich keiner sieht. Zittrig, zappelnd , trippelnd und im Nachthemd.
Im Wohnzimmer werfe ich die Zeitung auf den Tisch und meine Augen suchen die Tabletten.
Vier Stück sind es morgens, ich nehme alle zugleich in den Mund und tripple in die Küche, um ein wenig Wasser nach zu trinken.

Noch immer heißt es warten auf die Zeit.
Es gelingt mir die Kaffeemaschine einzuschalten, ein Tab aus der Schachtel zu fischen, ungelenkig aber doch, einlegen, Knopf drücken. Mmhh, der Duft weckt die Lebensgeister. Der Körper gehorcht noch nicht.
Kaffee und Zeitung. Und warten. Auf die Zeit.
Urplötzlich beginnt sie und wie die Sekunden auch fliegen meine Gedanken, was ich jetzt alles erledigen will. Erst frühstücken, sagt mein Magen, doch jetzt bin ich im ON und das wäre Zeitverschwendung. Ich tue es trotzdem und eine halbe Stunde ist dahin.

Nun kommt der Haushalt an die Reihe. Abends ist alles liegen geblieben an Geschirr. Ich räume den Geschirrspüler aus, das dauert nur wenige Minuten und trotzdem habe ich es abends nicht mehr geschafft. Ich räume ein, was herumsteht, Tab hinein, Programm gewählt und schon wäscht die Maschine.
Ich bin noch im Nachthemd. Also ab ins Bad zur Morgentoilette. Das Einsteigen in die Badewanne fällt mir in diesem Moment leicht, ich genieße das heiße Wasser auf meiner Haut, die Wärme tut gut und lässt mich kurz meine Arbeiten vergessen. Auch das Hochkommen aus dem Wasser – kein Problem, beim Aussteigen gut festhalten um nicht auszurutschen, ins Handtuch wickeln, abtrocknen, anziehen.

Was hier so leicht klingt, wird zum Stress für meine Nerven. Der Slip will nicht hoch, zu den Socken komme ich nicht hinunter, das T-Shirt verheddert sich irgendwo an meiner Schulter und ich ziehe und zerre daran, bis es endlich passt, die Beine in ihre Hosenbeine zu bekommen dauert, die Schuhe anzuziehen müht.
Was? Schon wieder eine Stunde vergangen? Eine Stunde meiner Zeit!
Was schaffe ich noch im ersten ON? Wäsche einlegen und 60° Waschgang einschalten.
Bis sie fertig ist, bin ich im OFF und das Aufhängen wird warten müssen.
Saugen? Blumen gießen? Jetzt hätte ich Lust zu malen, doch dazu ON Zeit verbrauchen? Malen während der Nachtstunden geht mittlerweile nicht mehr, nachts bin ich nun schon zu steif, um flüssig den Pinsel über die Leinwand zu führen. Also male ich? Ach herrje, Telefon, meine Mutter! Also nichts mit der Kunst.
Bis ich drüben angekommen bin, zittere ich und mein Fuß krampft. Die ON Zeit geht zu Ende. Die restliche Stunde bis zehn Uhr vormittags verbringe ich mit Kaffeetrinken bei der Mama und plaudern.

Verlorene Zeit?
Um zehn Uhr also die nächste Tablette. 100mg Madopar. Bis sie wirkt, vergeht Zeit. Leere Minuten.
Mittlerweile bin ich im Garten und töte die Zeit mit Unkrautzupfen. Dazu knie ich vor dem Beet. Aufstehen geht nicht mehr. Es heißt zu warten.
Etwa zwischen 10.30 und 10.45 Uhr springt das Hirn um und meine Zeit beginnt, wieder zu laufen. Und ich mit ihr. Was, schon gleich elf Uhr? Kochen für die Mama, was schnelles, was hab ich im Garten? Kohlgemüse. Rasch jetzt.
In der Küche richte ich immer ein heilloses Durcheinander an, wenn ich koche, ich bin den Gasherd nicht gewöhnt und auch nicht die Enge zwischen Küchentisch und Arbeitsbereich. Um halb zwölf können wir essen, das Geschirr bleibt stehen, denn nun bin ich angegessen und träge und suche den Liegestuhl im Garten auf, nur für eine halbe Stunde Auszeit von der Zeit.

Ich träume im Schatten des Apfelbaumes und erwache erfrischt. Das Küchenchaos lasse ich Küchenchaos sein und mache mich auf den Heimweg, denn auch daheim ist noch allerhand zu tun.
Emails checken, facebook Neuigkeiten lesen, Fotos hineinstellen, auf skype antworten.
Was, 13.30 Uhr? Ich spüre das beginnende OFF. Was hab ich gemacht heute? Nichts. Oder fast nichts.
Und meine Zeit ist wieder um.
Um 14 Uhr – nach endlosem Warten – nehme ich zwei Tabletten Madopar. Die Wirkung setzt bald ein und ich genieße meine Aktivität. Ich fahre mit dem Auto, kaufe ein, dies und das, dort und da, die Taschen sind schwer, ich plage mich damit in den zweiten Stock. Um 16 Uhr bin ich wieder zu Hause. Fix und fertig. Ich lasse alles stehen und liegen und mich aufs Bett fallen. Nur kurz ausruhen. Ich schlafe sofort ein und als ich munter werde, dämmert es schon. Ich habe wertvolle Zeit verschlafen.

Ich esse zu Abend, räume das Geschirr in die Küche, aber den Geschirrspüler nicht aus, nehme ein Glas Rotwein, schalte den Laptop ein und lese sinnlos hin und her, will so mein OFF hinauszögern, doch um halb acht Uhr abends beginnt mein Körper Ruhe zu fordern, ich gebe nach und gehe schlafen. Das Ausziehen geht schneller als das Anziehen, das Gewand bleibt am Boden liegen. Bis morgen.
Bis ich wieder Zeit habe. Meine Zeit. Heute waren es nur 7,5 Stunden.
Den Rest habe ich verloren.

Steirertreff

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