Mein Outing: Am Ende war alles nur heiße Luft

Ich erinnere mich an die ersten zwei bis drei Monate nach meiner Diagnose mit Parkinson, als wäre es gestern gewesen. Zunächst musste ich mit der neuen Information klarkommen. Dann musste ich überlegen, wem, wie und in welcher Reihenfolge ich was sagen sollte. Dabei war mir eigentlich danach, es loszuwerden, es in die Welt zu schreien.

Mein Arzt riet mir, es zunächst nicht meinen Kindern zu sagen. Also ließ ich es. Nur ein kleiner Kreis meiner Freunde wussten bescheid. Womit ich aber nicht gerechnet hatte, waren die Nachfragen, die ich immer wieder ausweichend beantworten musste.

Mein Sohn, damals 12, fragte, warum ich plötzlich so viele Tabletten nehme und warum mein Bein ständig vibriert? Meine erwachsene Tochter fragte mich bei nächster Gelegenheit gerade heraus: “ Und? Was sagt der Arzt? Hast du Parkinson?”. Bei der Arbeit wurde ich mehrfach darauf angesprochen, warum ich mein Bein so komisch nachziehe – ob ich verletzt sei?

Es ist ja toll zu erleben, dass sich die Leute Gedanken um meine Gesundheit machen, aber mir wurde durch die Nachfragen die Situation immer unangenehmer. Schließlich war der Druck so groß, dass ich zuerst meinen Kindern erzählte was los ist. Beide gingen auf ihre eigene so typisch pragmatische Art damit um. Mein Sohn wollte nur wissen, ob Parkinson tödlich sei. Als ich verneinte, sagte er: “Dann ist ja gut,” und war zunächst froh, dass sich das Geheimnis um die plötzliche Medikamenteneinnahme gelüftet hatte. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich konnte nun wenigstens Zuhause offen darüber reden. Und ich tat es oft und ab und zu auch mit meinem Sohn. Es entstanden so einige bereichernde Gespräche, die sonntäglichen “Couchgespräche”, die ich inzwischen nicht missen möchte.

Anders war die Situation am Arbeitsplatz. In Deutschland ist Krankheit eine höchstpersönliche Angelegenheit. Da spricht man nicht drüber. Ich glaube, dieses Verhalten stammt noch aus den Zeiten Preußischer Disziplin, die uns bis heute leider noch im Weg steht. Wie auch immer. Mein Weg, den Parkinson zu verarbeiten, zu akzeptieren und damit in seine Schranken zu weisen ist das nicht. Im Gegenteil: Je mehr ich über ihn reden kann, desto besser fühle ich mich.

Es kommt noch dazu, dass mein Arbeitgeber irgendwann eine Erklärung brauchen wird, warum ich nicht mehr in der Form belastbar bin wie früher. Dass es mir schwer fällt morgens früh in die Gänge zu kommen und Multitasking fast ein Ding der Unmöglichkeit ist. Nur, wie wird er darauf reagieren? Jeder Mensch geht mit Krankheit anders um und viele haben, gerade bezogen auf Parkinson, extrem unterschiedliche Vorstellungen davon. Und Stigmatisierungen möchte ich unbedingt vermeiden. Zumindest war das meine größte Sorge.

Irgendwann kam aber der Zeitpunkt, wo ich diesen Schritt einfach tun musste. Ich wusste, ich würde mich viel besser fühlen, wenn ich offen darüber reden kann. Egal, wie mein Arbeitgeber und die Kolleg*innen darauf reagieren werden. Und lasst euch sagen, die Reaktionen deckten das komplette Spektrum der Reaktionsmöglichkeiten ab. Von Unverständnis und Unwissenheit über hochdramatisierendes Mitleid zu ernstgemeintem Interesse und dem Angebot zu unterstützen. Ich war erleichtert, als es endlich raus war. Und so schlimm war es am Ende gar nicht. Im Gegenteil: Ich musste mich nicht mehr umständlich erklären und werde weiterhin und jetzt immer noch so akzeptiert, wie ich bin. Ein vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft.

May

Schreibe einen Kommentar