Der kleine James 1 / 5

Es war einmal ein kleines, nicht sichtbares Etwas, welches sich selbst James nannte.

Trotz seiner Materielosigkeit war sein Dasein geplagt von Zittern, Steifigkeit und einer unsagbaren Langsamkeit. Jede Bewegung fiel ihm schwer und manchmal konnte er nur noch im Stillstand verharren. An ein ausgewogenes Schlafen war kaum zu denken. Die Gerüche, die ihn umgaben, waren kaum wahrzunehmen. Und so gab es noch viele andere Unannehmlichkeiten, die ihn den lieben langen Tag über plagten.

So vergingen viele Jahre der Beschwernis, bis der kleine James seiner Gestaltlosigkeit überdrüssig wurde.

Auf der Suche nach einer materiellen Hülle traf er auf mich, was mir anfänglich gar nicht auffallen wollte. Der kleine James wollte ja auch nicht sofort in aller Massivität auftreten und seinen neuen Wirt damit überfordern.

Schon lange war mein Schlafverhalten geprägt durch nicht einschlafen können, oder nächtliches Aufwachen. So lag ich gefühlt oft stundenlang wach im Bett oder habe das Schlafzimmer verlassen. Hierzu gesellte sich dann irgendwann ein schlechter Geruchssinn, so dass ich auf die Frage nach guten oder schlechte Gerüchen immer öfters passen musste. Dass es sich hier um die Folgen meines noch sehr kleinen Gastes handelte, konnte ich damals natürlich nicht absehen.

Mit seinem langsamen Heranwachsen stellten sich dann weitere Erscheinungen ein, die aber noch lange keine Alarmzeichen für mich ergaben. Das rechte Bein entwickelte die Tendenz zum Zittern und beim Laufen blieb ich ab und zu mit dem Fuß am Boden hängen, ohne jedoch jemals in Gefahr zu laufen, hinzufallen. Ganz lustig fand ich es immer, wenn nach sportlichen Aktivitäten meine Wadenmuskeln Zuckungen entwickelten.

Ob diverse schmerzhafte Probleme im rechten Hüftgelenk und rechten Schultergelenk auch Produkte des noch kleinen James waren, verbleibt spekulativ. Seinerzeit wurden diese als orthopädische Schadensfälle verbucht.

Gedanken machte mir eher der sich einstellende Zustand, dass ich in Stresssituationen unglaublich langsam war. So benötigte ich bei Alarmierungen meiner freiwilligen Feuerwehr zum Umziehen gefühlt dreimal so lange wie alle Anderen. Aber aus heutiger Sicht betrachtet, ist dies nachvollziehbar, da war ja noch mein ungewollter kleiner Gast dabei, den ich mit anziehen musste.

Das Zittern im Bein veranlasste mich zwar zu einer Rückfrage beim Hausarzt, eine Überweisung seinerseits zum neurologischen Spezialisten wollte ich aber nicht wahrnehmen.

So verstrich die Zeit und James konnte ungestört weiter reifen. Sein nächster Kleinjungenstreich war das Zittern meiner rechten Hand. Jetzt war aber Schluss, verdrängen war nun nicht mehr angesagt. Lange überlegen musste ich nicht, wohin mit mir. So führte mich mein Weg direkt in die neurologische Abteilung eines großen Klinikums. Nach mehreren ambulanten Terminen mit diversen Untersuchungen wurde er entdeckt, der kleine James, der das Kindergartenalter schon überschritten hatte.

Konnte man dieses ungewollte Kind nicht wieder loswerden? Leider wurde mir durch fachlich qualifizierte Personen klar gelegt, dass ich James wohl adoptieren müsse, da er mich nicht mehr verlassen würde. Er hat sich in meinem Hirn festgesetzt und dort in einer sogenannten schwarzen Substanz schon ordentliche Löcher hinterlassen. Jetzt fehlt es mir wohl an Dopamin, dem Schmierstoff für meine Bewegungskoordination. Somit hat der kleine James jetzt auch einen Nachnamen bekommen, er heißt Parkinson.

Kotti

Schreibe einen Kommentar