Der kleine Eisbär

Auf einer Insel hoch oben in der arktischen See lebte eine Eisbärenfamilie. Mama, Papa und der kleine Eisbär. Die Insel war sehr klein, und die Eisbären konnten diese in nicht mehr als einer halben Stunde überqueren. Die ganze Insel war mit einer Eisdecke überzogen, welche auch noch ein paar hundert Meter ins offene Meer ragte.

Mama Eisbär hat dem kleinen Eisbären erzählt, dass das Eis früher so weit ins Meer ragte, dass es sich im Winter mit dem Eis der benachbarten Insel verband. Dann konnten die Eisbären weite Ausflüge machen um zu jagen. Heute war das alles viel schwieriger. Es gab nur noch ganz selten Robben, die sich auf der Insel verirrten und somit war die Eisbärenfamilie überwiegend auf den Fang von Fischen angewiesen.

Der kleine Eisbär konnte dabei nur wenig behilflich sein, da er noch ein unsicherer Schwimmer war und sich daher nicht weit von der Eisfläche ins Meer traute. Aber bisher haben die Fische, die Mama und Papa mitbrachten, immer für alle drei ausgereicht.

Wenn er einmal größer sein würde, dann musste er versuchen zur anderen Insel zu schwimmen, da die kleine Insel nicht genügend Nahrung für drei ausgewachsene Eisbären hergeben würde. Das würde eine gefährliche Reise werden, da die benachbarte große Insel so weit entfernt lag, dass man sie nur bei sehr gutem Wetter weit am Horizont erkennen konnte.

Aber das musste unseren kleinen Eisbären heute nicht kümmern, denn es war ein herrlicher Sommertag und er war zum Wasser gegangen um zu spielen. Vielleicht traute er sich ein wenig vom Eis herunter in das kühle Wasser.

So saß er da an der Kante der dicken Eisschicht und streckte abwechselnd die rechte und die linke Vorderpfote in das klare kalte Wasser. Wenn er genau hinblickte, konnte er ab und zu einen Fisch vorbeischwimmen sehen. Hätte er doch nur den Mut, ins Wasser zu springen und einen der Fische zu packen. Dann könnte er ganz stolz zu seinen Eltern zurücklaufen, mit dem leckeren Essen in seinem Maul.

So blieb er lange am Rande des Wassers sitzen und überlegt was er nun tun sollte. Langsam ging die Sonne am Horizont unter, und der kleine Eisbär konnte sein Problem auf morgen verschieben. Im Dunkeln ins Wasser zu springen war zu gefährlich, da er dann schnell das rettende Ufer nicht mehr finden würde. Und so machte er sich bereit für den Rückweg zu ihrem nächtlichen Unterschlupf.

Er wollte sich gerade umdrehen, als er lautes Knacken vernahm, und die Eisfläche, auf der er stand, heftig zu schwanken begann. Ein großer Riss hatte sich hinter ihm gebildet und das Stück Eis hatte sich gelöst. Wenn er jetzt nicht ganz schnell losrannte und sich mit einem großen Sprung auf die feste Eisfläche retten würde,  würde er von der sicheren Insel getrennt werden.

Doch er war wie blockiert, was, wenn er zu kurz sprang und im Wasser landete? Und so stand er auf der Eisscholle und musste zusehen, wie der Abstand zum restlichen Eis immer größer wurde. Er begann laut und jämmerlich zu heulen, vielleicht würden ihn die Eltern hören. Doch diese waren normal kurz vor Sonnenuntergang immer auf der Jagd, da die Fische dann ganz nah an der Insel waren.

Und so verklang sein Geschrei ungehört in der Ferne.

Zwischenzeitlich war der Abstand zur Insel so groß, dass es für den kleinen Eisbären alleine undenkbar war, diesen schwimmend zu überwinden. Sehnsüchtig, mit Tränen in den Augen blickte zu seiner Insel zurück, die nun immer kleiner wurde und immer mehr in der aufkommenden Dunkelheit entschwand. So legte sich der kleine Eisbär auf den Bauch, um dann irgendwann heulend einzuschlafen.

Als er wieder erwachte, war bereits heller Tag und die Sonne stand hoch am Himmel. Er blickte in alle Richtungen, um nach seiner Insel zu suchen. Aber soweit seine Augen reichten, konnte er nur Wasser sehen. Nicht einmal ein kleines Stück Eis, außer dem von seiner Eisscholle war zu erblicken. Er musste über Nacht weit nach Süden abgetrieben sein.

Als die Sonne zur Mittagszeit ihren höchsten Stand erreicht hatte, merkte der kleine Eisbär eine Wärme, wie er sie bisher noch nie gespürt hat. Er sehnte sich zurück nach seiner Insel und dem kühlen Wind, der dort immer herrschte.

Langsam stellte sich quälender Hunger ein, doch wo sollte er auf seiner kleinen Eisscholle etwas Essbares finden. Er blicke über den Rand des Eises ins Wasser, vielleicht schwamm ja ein Fisch vorbei. Nach langem Warten sah er etwas unter der Wasseroberfläche glitzern und er brauchte nicht lange um mit beiden Vorderpfoten danach zu greifen. Er hatte es gepackt. Als er die Pfoten aus dem Wasser zog, hing etwas dünnes fast durchsichtiges in seinen Krallen. Ein Fisch war dies nicht und es schien in keiner Weise genießbar. Es war eine der vielen tausenden Plastiktüten die in den Meeren und Ozeanen dieser Welt schwimmen.

So ging dieser warme Tag vorüber und der kleine Eisbär musste sich hungrig auf seiner kleinen Eisscholle zum Schlafen legen. Die nächsten Tage vergingen genauso, wie der vorhergegangene, nur dass es immer wärmer wurde. Irgendwann merkte der kleine Eisbär, dass seine Eisscholle von Tag zu Tag kleiner wurde und irgendwann, wenn er nicht schon davor verhungerte, würde nicht mehr genügend Platz für ihn da sein.

Was sollte nur aus ihm werden?

Was sollte nur aus all den Eisbären werden, die jetzt noch hoch oben im Norden im immer kleiner werdenden ewigen Eis lebten?

Kotti