Der Herbststurm

Majestätisch steht sie auf dem Feld, die große alte Eiche, breitet ihre Äste hoch zum blauen Himmel. Weit und breit sind nur Wiesen und Äcker, kein anderer Baum ist in Sichtweite. Das Jahr ist weit vorangeschritten, die Äcker liegen abgeerntet um den mächtigen Baum, auf den Wiesen ist nur dürftiges Gras.

Die Säfte des Sommers haben den Baum verlassen, die Blätter sind in ein wundervolles Rot und Gelb gefärbt. Bald werden sie abfallen und den Boden rund um die Eiche düngen, damit dieser für das kommende Jahr mitneuen Nährstoffen versorgt ist.

Die Vögel sind seit Woche weitergezogen, nur eine einsame schwarze Krähe, die mit dem Baum alt geworden ist, sitzt noch regelmäßig auf ihrem dicken Lieblingsast.

Langsam kommt eine kühle Brise auf, die den kommenden Winter ankündigt.

Der frühe Abend bricht an, und die Brise wächst zu einem starken Wind heran. Am Himmel türmen sich dunkle Wolken auf, sie kündigen da Heranziehen eines Unwetters an.

Stunde um Stunde nimmt der Wind zu, er ist bereits zu einem Sturm herangewachsen. Heftige Regenschauer peitschen gegen das Blätterdach der Eiche. Ein Blitz fährt zu Boden und erhellt die Landschaft.

Die Äste biegen sich bedenklich im Wind hin und her. Hätte der Baum doch bereits seine Blätter fallen lassen, dann könnte der Sturm widerstandslos durch die nackten Äste streichen.

Ein Zucken geht durch den Baum, als der zum Orkan angewachsene Herbststurm, der Eiche mit einem lauten Krachen einen großen Ast vom Stamm wegreißt. Das Bersten des Holzes ist trotz des tosenden Sturms noch weit entfernt zu hören.

So viele Stürme hat die Eiche über die Jahrzehnte, seit sie einer Eichel entsprungen ist überstanden. Außer kleinen Ästen musste sie bis heute keinen Einbußen erleiden. Doch welche Schmerzen hatte sie heute zu erleiden, als sie ihren großen Ast, einer der ersten der dem Stamm entwachsen ist, verloren hat.

Wird sie diesen Orkan, einer der heftigsten, den sie in ihrem hohen Alter erleben musste, überstehen?

Der Stamm steht bereits unter starker Anspannung. Jede Faser des Holzes ist unter höchster Belastung. Da geschieht das Wunder, von den Naturgewalten hinweggerissen werden ihre Blätter hoch in die Lüfte getragen. Irgendwo, weit entfernt werden sie auf die Erde sinken.

Der Widerstand, den das Blätterdach dem Wind geboten hat, löst sich auf. Die Spannung, welche in dem doch so mächtigen Stamm geherrscht hat, lässt nach. So tobt er Sturm noch die halbe Nacht, bis das Unwetter langsam weiterzieht.

Der neue Tag bricht an, am Boden vor der Eiche liegt ihr großer Ast, ein erstes Opfer dieses Herbstes. Auf dem Ast sitzt die Krähe, die tags zuvor noch weit oben auf ihm thronte. Sie wird ihn vermissen, wenn der nächste Frühling erneut den Saft des Lebens durch den Baum fließen lässt.

Bald wird der Winter kommen und den ersten Schnee auf den Ästen des Baumes rieseln lassen. Dann wird die große Wunde, die der Sturm hinterlassen hat, hoffentlich heilen.Das Warten auf ein neues Jahr hat begonnen.

Kotti