Das Wunder 2020

Am späten Nachmittag klingelte es. Ich tapste hinunter zur Haustür, öffnete diese und da stand meine Nachbarin mit einem sorgenvollen Gesichtsausdruck vor mir und flüsterte „Frau Hilker, bei Ihnen hat gerade noch der Bote etwas in den Briefkasten gelegt“. Ich beugte mich leicht vor, um sie besser zu verstehen.

Es war auch etwas merkwürdig, weil es schon ziemlich spät für die eigentliche Post war. Ich bedankte mich und ging wieder zurück in die Wohnung. Der Briefkastenschlüssel wanderte erstmal in die Hosentasche und ich machte mir keine weiteren Gedanken. Ich kochte Kaffee und bei jedem Schluck ließ ich erstmal diese Situation in Slow-Motion vor meinem inneren Auge ablaufen.

Anstatt gleich zum Briefkasten zu gehen, kreisten meine Gedanken um den Inhalt des Briefes und ich stellte mir die Frage, was es wohl sein könnte? Ich hätte es mir viel einfacher machen können! – NEIN – warum sollte ich das tun, wenn es auch umständlich geht? Es war draußen schon ziemlich dunkel, als ich mich dann aufrappelte und nochmals in die Kälte ging. Mein Bauchgefühl, das mir sonst immer ein guter Berater war, schwieg. Ich machte den Briefkasten auf und da sah ich ihn schon, den Stempel „Rentenversicherungsbund“, DIN A4 weiß. Er blendete mich fast (so dramatisch war es nicht – hätte aber sein können). Ich zögerte nicht, griff hinein und schwupp war der Briefkasten zu. Die Haustür viel hinter mir ins Schloss und ich saß schon in der Küche. Ich fühlte erstmal den Umschlag, denn ich traute mich nicht ihn zu öffnen. Es war bestimmt wieder eine „Ablehnung“.

Mut zusammen nehmen und …ich habe ihn aufgerissen. Eine dicker Stapel Papier. Die erste Seite, das Anschreiben. Meine Augen wanderten. Bla, Bla, Bla, und dann standen dort die folgenden Worte Schwarz auf Weiß

„Bewilligungsbescheid“ die volle Erwerbsminderungsrente.

Ich traute meinen Augen nicht. Was stand da? Rente!? Ich glaubte es nicht. Ich habe immer nur das Wort „Rente“ gelesen… Ich war wie ferngesteuert. Setzte mich hin und stand gleich wieder auf. Ich habe es immer und immer wieder gelesen. Ich habe es wirklich geschafft! Sieben lange Jahre hat es gedauert. Sieben Jahre.

Ich habe einen Jubelschrei losgelassen und musste weinen. Als erstes rief ich bei meiner Mutter an. Sie war nicht da. Mist. Ich quasselte viel zu schnell und durcheinander auf den AB. Irgendjemand wird doch da sein dem ich es erzählen kann und schrieb alle an, die mir einfielen. Meine Mutter rief zurück und ich frage sie „sitzt du?“„Wieso soll ich sitzen ..komme gerade rein“ Bitte Mutti, setzt dich mal hin. „Nein“ kam zur Antwort, Okay dachte ich mir und sagte nur: „Ich habe die Volle-Erwerbsminderungs-Rente.“

Mucksmäuschenstill war es.

“Jetzt muss ich mich doch setzten“, kam mir durch den Hörer entgegen. Ich dachte mir nur ..siehste? Wusste ich es doch! Verkniff es mir aber, laut auszusprechen.

Alle freuten sich mit mir. Es ist einfach toll so gute Freunde zu haben. Mir fiel das Gespräch mit meiner Sachbearbeiterin der Rentenkasse wieder ein. Sie rief mich viele Wochen vorher an. Das erste Wunder, es war an einem Freitag um 16:10 Uhr. Das dort noch jemand arbeitete, hat mich überrascht. Ihre Worte „bitte haben sie Geduld, ich melde mich bei Ihnen, brauche aber noch etwas Zeit.“ Sie hat Wort gehalten. Es gibt wirklich noch Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft.

Hiermit muss ich meine Vorurteile der Bearbeiter gegenüber revidieren – sie würden nur Ihre Zeit ab zu sitzen. Die lange Zeit … mit endlosen Gutachten.
Ich habe gejammert, mit Tränen, Enttäuschung und Wut.

Die Hoffnung niemals aufgegeben, um vielleicht nach sieben Jahren dann doch endlich einen Leuchtstern am Himmel zu sehen. Mein Leben ist nicht anders geworden, ..aber einfacher. Wieder einen Stein von meinem Lebensweg geräumt.
Ich habe an diesem Abend meinen Rentenbescheid mit ins Bett genommen. Ich traute dem Ganzen noch nicht. (normal kann eben jeder!) Am kommenden Morgen wurde es mir erst richtig bewusst.

Ich war eine Rentnerin.

Beate

teamdopamin

Hallo, wir sind Christoph aus Dortmund und May aus Hamburg. Wir wollen über Morbus Parkinson informieren und aufzeigen, wie vielseitig die Erkrankung und der Umgang damit sein kann – aus der Sicht der Betroffenen selbst. Übrigens: Wir sind beide selbst an Parkinson erkrankt.

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