Chronik eines alternativmedizinischen Experiments 6/12

Logbuch Tag 10, 4. Kliniktag

… nun auf die Nacht folgt der Tag … und was sich in der Nacht an Vorboten angekündigt hat, das hat der Tag mindestens gehalten.

Nach dem Logbuch Eintrag hatte ich noch Zeit zum Herumtrödeln, weil das Tai Chi erst später stattfand. Gegen 10.00 aufs Fahrrad und zu meinem Freund Christoph zum Tai Chi geradelt. Irgendwie waren alle Bewegungen eckig, abgehackt, so gar nicht rund. Mein Rücken hat geschmerzt und das Tai Chi hat erstmals viel mehr angestrengt als gut getan.

Mittagessen in der Klinik wie immer hervorragend. Der erste Lichtblick des Tages: Dhal mit Reis und Kürbis und einem undefinierbaren aber unglaublich köstlichen Chutney. Alleine das Essen schon ist ein Grund intensiver über eine ayurvedische oder zumindest ayurvedisch angehauchte Lebensweise nachzudenken. (und das sage ich als bekennender schokoladensüchtiger Fleischfresser!). Als besondere Überraschung haben mich dann noch 3 Freunde in der Klinik zum Mittagessen besucht.

(Ein kleiner Exkurs: Diese Klinik in Ried ist spannend. Sie ist im Stadtzentrum in einer alten Stadtvilla unter-gebracht. Im Erdgeschoss befinden sich die Ordination und der Ayurveda Shop, im ersten Stock sind dann das Speisezimmer und die Küche, die Büros der Administration (= die Frau des Arztes) und eines Familientherapeuten und im Dachgeschoss befinden sich dann die Therapieräumlichkeiten sowie eine sehr gemütliche Teebar bzw ein Aufenthalts- und Ruheraum für die Kurgäste. Das wirklich Interessante spielt sich im Speiseraum ab. Neben dem Tisch für die Kurgäste (alle an einer großen Tafel, liebevoll gedeckt) gibt es einen zweiten kleineren Tisch für Gäste. Die Klinik scheint im Ort sehr gut integriert zu sein, weil dieser Tisch jeden Tag voll war und sich öfters auch 2 x gedreht hat. Gegen Voranmeldung bis 10.30 kann jeder hier speisen – vorbehaltlich er/sie bekommt noch einen Platz.) Hier treffen sich allerlei Menschen in einem kunterbunten Mix, von dem man normalerweise annimmt, dass sie nicht zusammen passen – vom alternativen Jungvolk mit Rastalocken bis zum Geschäftsmann in feinem Tuch.

Dann unmittelbar nach dem Mittagessen in den Therapiebereich. Heute zur Abwechslung keine Nasiya, sondern eine Synchronmassage. Beide Therapeuten haben mich gemeinsam eingeölt und dann haben mich vier Hände – links und rechts synchron sanft massiert. Anders als bei einer klassischen Massage habe ich das mehr als geschmeidiges Streichen über die Haut erlebt, unglaublich wohltuend. Nach einer guten dreiviertel Stunde paradiesischem Schwelgen folgte noch ein Ölguss. Ich denke, das ist das, was sich jeder Normalbürger unter Ayurveda vorstellt. Aus einer Kanne wird körperwarm temperiertes Öl über die Stirn gegossen. Anfangs etwas befremdlich, wenn das Öl die Haare entlang rinnt (bei mir nicht sehr viele und die kurz getrimmt). Diese von diesem Ölguss ausgelösten “Körpersensationen“ haben vorerst die Assoziation mit einer Ölsardine in mir aufsteigen lassen. Aber im weiteren Verlauf habe ich das als immer angenehmer und angenehmer empfunden. Paradies die Zweite!

Danach kam der unvermeidliche Öleinlauf, mittlerweile ein schon (na wenn schon nicht gerade lieb gewonnen, so doch zumindest) gewohntes Ritual.

Rasten, ruhen, dann das ausführliche Arztgespräch: Besonders intensiv war die Durchsprache meiner Blutwerte und meines Pulses. Das klassische Blutbild war absolut ok, aber beim Hormonspiegel, Selenwert gab es viel Stoff zum Reden.

Nochmals kamen wir auf die Schwermetall Ausleitung DMPS zu sprechen. Diese Methode wird bei akuten (Schwermetall)Vergiftungen erfolgreich angewendet, die Wirksamkeit im alternativmedizinischen Bereich ist umstritten. Aber offenbar ist das – wie überall – eine Frage der Versuchsanordnung und des dahinter liegenden Forschungsinteresses.

Betreffend der Medikation bzw. der Frage der Umstellung auf ayurvedische Medikation hat mir Dr. Schachinger vorerst zur Vorsicht geraten. Zuerst einmal müssen der Vitamin D Haushalt , der Progesteronspiegel , der Folsäuregehalt  und der DHEA Gehalt auf ein vertretbares Maß gebracht werden, dann werden wir in Abstimmung mit meinem Neurologen weitermachen. Spannend fand ich bei der Schnellrecherche im “Lexikon des worldwide web” alias “Doktor google”, dass all diese Werte in der Schulmedizin für Männer als relativ bedeutungslos gesehen werden, mein Arzt ihnen aber höchste Bedeutung für das Hormongleichgewicht in meinem Körper beimisst.

Dr. Schachinger hat mir erklärt, dass die ayurvedische Kur selbst aus drei Phasen besteht:

1. Die Vorkur: hier geht es um das Lösen von Altlasten und die Vorbereitung zur Entgiftung (das waren meine gerühmten “Pferdeleckerlis” und das Halten von Diät vorab)

2. Die Kur selbst: hier erfolgt das Auswaschen der Giftstoffe aus dem Körper. Das kann (das wird) – wie bei mir an diesem Tag – zu Kurkrisen führen, wenn der Körper beginnt, nachhaltig auf die Behandlung zu reagieren. Aus diesem Grund hatte er mir für den heutigen Tag auch keine “anstrengende Behandlung” wie die vorhergegangenen Nasiyas zugemutet, sondern mir zum Entstressen des Körpers eine Synchronmassage angedeihen lassen. Meine vorangegangene Schlaflosigkeit haben wir auch durchbesprochen und er meinte nur, dass der (mit meinem Freund und Kollegen nach unserem gemeinsamen Tai Chi gestern genossene) grüne Tee eine potenzierte Wirkung zeigen kann, weil mein Körper sozusagen von “Genussgiften” entwöhnt ist und mir deshalb umso mehr “einfährt”. Diesen Tipp möchte ich gerne festhalten und weitergeben: Bei einer Ayurvedakur striktes Halten des Diätplans und keine kleinen Genuss-Sünden!!! (es rächt sich bitterlich!)

3. die Nachkur: hier geht es darum, den erreichten Status zu “versiegeln” und möglichst nachhaltig zu bewahren. Drei Maßnahmen hat er mir empfohlen:

a) Ernährung: Zwischen den Mahlzeiten “Essabstände” halten (keine Naschereien zwischendurch)! Achten auf die Qualität der Lebensmittel (wenn geht nur BIO)! In den nächsten Tagen nach der Kur kein Fleisch, keinen Fisch, keine Rohkost, keine Eier, kein Hartkäse!
Langsam essen, länger kauen als gewohnt (mindestens 10 x). Dazu empfiehlt er, nach jeweils drei Bissen das Besteck wegzulegen. Dies hat auch einen Effekt auf die Gewichtsentwicklung: weil durch die Pausen in der gleichen Zeit weniger Nahrung zugeführt wird, unterstützt dieses Essverhalten das Abnehmen bzw. Halten des Gewichts!
Zwischen den Mahlzeiten Trinken! Am besten heißes / warmes zuvor abgekochtes Wasser.

b) Bio Rhythmus: nach 90 Minuten Arbeit eine Regenerationspause (für mich alleine, mich zurückziehen, ohne Kundenkontakt! Uhr einstellen, sodass diese Pause laut eingefordert wird) Insbesondere für Parkinson-Patienten ist eine geregelte Pausenstruktur für die Regeneration wichtig, weil die Dopamindepots meist nach einer Zeitspanne von 90 Minuten erschöpft sind. Umso notwendiger bei meinem Job!
Bettruhe spätestens um 23.00 Uhr, im Regelfall 22.00 Uhr (das wird die schwierigste Übung)

3. Rasayana Therapie: das bedeutet übersetzt so viel wie “die Körper- und Lebenssäfte flüssig halten. Schachingers Empfehlungen für mich waren zweigeteilt:

a) einerseits durch Einnahme von Substanzen (z.B. Mucuna, aber auch noch andere)

b) andererseits durch mein persönliches Verhalten. Indem ich konsequent das tue, was mir gut tut und das unterlasse, unterbinde und abstelle, was mir nicht gut tut. Sei es Tätigkeiten, Ansprüche von mir oder von anderen an mich… (auch das ist für mich eine sehr schwere Übung, wo ich mir doch funktionales Handeln und Disziplin ins Stammbuch geschrieben habe). Insbesondere geht es bei mir um die Balance von Aktivität und Ruhe, Tun und Pause …

Ich fand dieses Arztgespräch “ziemlich steil”. Es hatte viel mehr die Anmutung einer psychotherapeutischen Sitzung als die einer (klassischen) Arztvisite: Weit über den normalen (d.h. von mir sonst im ärztlichen Alltag erlebten) Rahmen (zeitlich und inhaltlich) hinausgehend, sehr zugewandt, auf mich als Person absolut zuge-schnitten. Wir haben im Anschluss daran dann noch längere Zeit über das Thema “Disziplin” und “was tut gut” oder was ist “nur mehr Impuls- und Lust gesteuert” diskutiert.
Mein Fazit: es geht um die große persönliche Linie, den roten Lebensfaden, den ich im Blick haben muss und an dem orientiert kontinuierlich anzupassen, was MIR JETZT gut tut … (die Übung wird damit nicht wirklich leichter, für mich aber zumindest “griffiger”)

Nach dem Arztgespräch Abendessen, noch eine kurze Rast und dann mit dem Rad zurück ins Hotel. Nach der Massage ist meine Befindlichkeit stetig besser geworden und ich war zufrieden, wieder gut drauf … und hundemüde. Um halb neun bin ich im Bett gelegen und sofort eingeschlafen (welch Segen nach der vorangegangenen Nacht)

Peter