Brief an R.

Juni 2018

Moin R.,

Jetzt weiß ich, was in den letzten Tagen und Wochen mit mir nicht gestimmt hat.

Bei der Medikamenteneinstellung in der Klinik wurde ein Parkinsonmedikament, Levodopa, zu schnell zu hoch dosiert. Ich bekam nach einer Woche noch während des stationären Aufenthaltes Überbewegungen, Unruhezustände und etwas wie Panikattacken. Das wurde vom Personal mit einem „Entspannen Sie sich mal, wir wissen ja, dass sie ein bisschen empfindlich sind!“ und einem Tranquilizer abgetan. Zack, bist du in der Psycho-Ecke! Auch bei wiederholtem Hinweis auf diese Beschwerden bis kurz vor der Entlassung kam wieder der Spruch wie oben, entspannen und abwarten, Geduld haben, bis die Therapie wirkt…. Also mit „Panikattacken“ und einer Menge Superratschläge im Gepäck in die Freiheit. Mir ging es richtig beschissen und ich konnte mich zu Hause vor diesen bedrohlichen Zuständen kaum noch retten. Die Parkinsonsymptome hatten sich zusätzlich noch akut verschlechtert, ich konnte mich kaum noch bewegen und hatte starke Schmerzen. Außerdem war ich alleine, meine Tochter musste wieder zurück an ihren Wohnort zur Arbeit.

Da meine Neurologin hier vor Ort mit der neuen Medikation einverstanden war, habe ich die Tabletten weiter so genommen bis auf eine kleine Änderung. Unruhe, Angst, Atemnot und „Panikattacken“ steigerten sich immer mehr. Hatte ich jetzt zu der Diagnose Parkinson noch gratis eine Angststörung dazu bekommen? Am vergangenen Wochenende war es so schlimm, dass ich nachts die 112 gerufen habe und in die Klinik gekommen bin. Ich hatte auch starke Überbewegungen und konnte mich kaum noch halten, Hyperventilation (zu schnelles Atmen) und Halluzinationen kamen auch noch dazu.

Die Wände und Fensterbänke in der Notaufnahme, die Atemmasken, die Türklinken und andere Gegenstände schienen sich geräuschlos zu bewegen, das war einfach Horror. Man hat mich mit Tavor, einem starken Beruhigungsmittel, „platt gespritzt“ und am Vormittag entlassen, alles ok angeblich.

Zu Hause ging es aber weiter, die Unruhe und Angst habe ich nicht mehr in den Griff bekommen.
Ich habe am Montag direkt Rücksprache mit der Neurologin gehalten, sie meinte nur, Panikattacken seien zwar unangenehm, aber man könne daran nicht sterben und ich solle Entspannungübungen machen. Hat aber bei der Heftigkeit der Beschwerden nichts mehr gebracht.

Mein Hausarzt empfahl mir Bewegung an frischer Luft und Eis essen gehen, aber ich bin mehrmals am Tag so hochgegangen, dass ich Angst hatte, zu sterben.

Gestern hat die Neurologin, die eher der Meinung war, dass ich vorher zu niedrig eingestellt war, endlich eingesehen, nachdem ich ihr alles noch einmal genau geschildert hatte, dass die Medikamente wohl doch zu hoch dosiert sind.
Das waren die Symptome einer Medikamentenüberdosierung, keine Panikattacken oder sonst etwas.
Ich bin immer noch entsetzt, dass ich so lange „bohren“ musste, bis mal endlich jemand reagiert hat!!!

Jetzt bin ich zu Hause, meine Neurologin und ich basteln gemeinsam eifrig an der kleinschrittigen Reduzierung und Anpassung der Dosis, ich trinke den ganzen Tag viel Wasser, mindestens vier Liter, da der Urin eine Rotfärbung aufwies, auch ein Zeichen für eine Überdosierung, und es geht einigermaßen, aber der Schreck sitzt noch tief….

Wenn ich nicht immer wieder nachgehakt und die Tabletten weiter so genommen hätte….. Nein, das denke ich nicht zu Ende.

Daraus erklärt sich vielleicht mein etwas seltsames Verhalten und meine etwas konfusen Nachrichten auf Facebook 😉

Ich brauche jetzt erstmal viel Ruhe, jede Kleinigkeit und Anstrengung lösen noch diese Unruhe und Übererregung aus. Es wird auch noch eine Weile dauern, bis das überschüssige Dopa abgebaut ist. Die heftigen Angstzustände kommen seltener und sind mit Tavor, einem Tranquilizer mit Suchtpotenzial, sehr gut in den Griff zu kriegen. Hättest du mir das vor zwei Jahren erzählt, hätte ich dich ausgelacht, aber im Moment habe ich keine Wahl. Solltest du mich seltsam entspannt mit einem Ist-mir-scheißegal-Lächeln antreffen… du weißt, woran es liegt :o)

Danke für deine Freundlichkeit und Geduld, alles Gute für dich! 🙂

Claudia

P.S. Bist du gegebenenfalls beim Tavor-Entzug wieder mit dabei? Würde mich sehr freuen!