Auszeit

Ich dachte immer, man muss funktionieren, alle erwarten das von mir. Aber eigentlich bin ich es selbst, die ihre Ansprüche so hoch setzt. Ich bin mittlerweile glücklich mit meiner neuen Lebenssituation. Ich hätte nie gedacht, dass es tatsächlich so ist. Stress kann so viel verändern. Stress – das war vor der Diagnose mein Leben. Egal was ich getan habe, alles war mit Stress verbunden. Sei es mein Beruf als Köchin – wie oft habe ich hier eine Sechs-Tage-Woche gehabt – 200 Stunden im Monat waren Alltag. Die täglichen Verpflichtungen, die jeder andere auch hat: Haushalt, Einkauf, Freunde und, und, und…

Mein Tremor hatte Zeit, das für sich zu nutzen, er wurde immer stärker. Ich gehöre zu den Menschen, die zu den schnelllebigen Menschen gehören. Hektik, Stress, keine Zeit, immer unter Strom, den Menschen um mich herum beweisen zu müssen, dass ich alles geschafft bekomme, das bin ich, beziehungsweise war ich.

2017 hat es einmal laut geknallt, Parkinson trat in meinem Leben. Heute, ein Jahr danach und 37 Jahre jung, kann ich nur sagen: Warum braucht es erst eine Diagnose, um zu verstehen, dass das Leben zu kurz ist, um sich eine Auszeit zu nehmen. Vor ein paar Wochen war ich stationär in der Klinik. Morgens würde mein Zimmer gereinigt. Die Dame von der Reinigung fragte mich, ob ich gestern den wunderschönen Sonnenuntergang gesehen habe. Ich bejahte es und sagte, „ja, ich habe Bilder, das war wirklich ein sehr schöner Moment. Ich muss sagen seit der Diagnose, genieße ich diese Momente sehr oft.“ Sie sagte, „ich ebenfalls, ich bin raus gegangen, habe von dem Sonnenuntergang Fotos gemacht“, sie schwärmte richtig. Ich sagte ihr, dass es selten vorkommt, dass heutzutage sich jemand die Zeit nimmt den Sonnenuntergang zu genießen, es sei denn er ist im Urlaub. Ihre Antwort darauf hin war, „Vor einem Jahr habe ich Krebs bekommen, mittlerweile geht es mir wieder sehr gut, aber seit der Diagnose habe ich gelernt, dass auch ich wichtig bin. Zeit für mich zu nehmen, eine Auszeit.“ Weiter sagte sie „Früher habe ich nur für meine Familie gelebt. Ich war als Erstes Mutter, dann Ehefrau, danach Hausfrau und ganz zum Schluss kam ich selbst.“ Ich musste etwas schmunzeln und sagt ihr „Sehen Sie, seit ich meine Diagnose habe, sehe ich es genauso. Ich nehme mir Zeit für mich. Früher hat das nicht gegeben.“

Auszeit gab es vor Parkinson nicht. Ich wusste, ich muss funktionieren, alle haben dieses von mir erwartet. Die Dame ist ein Beispiel von vielen. Immer wieder habe ich das selber gehört, seit ich meine Diagnose habe – ob Parkinson oder Krebs oder einen Schlaganfall – bei allen hat sich die Sicht der DINGE grundlegend geändert. Eigentlich sehr schade drum, dass man erst krank werden muss, um zu lernen, dass man selbst auch da ist. Ich schätze das mindestens 80 % der Gesellschaft genauso lebt – hektisch, keine Zeit, keine Zeit für sich selbst, keine Zeit für Auszeit. Dabei wäre es doch viel schöner, wenn wir im gesunden Zustand so leben würden, und nicht erst warten bis wir ausgebremst werden.

Ich brauchte meine Diagnose, um zu lernen, dass ich wichtig bin. Schade nur, dass mir das nicht vorher bewusst war. Man hat doch einiges im Leben verpasst. Zielstrebigkeit, Erfolg, mein persönlicher Ehrgeiz hat mich eines gekostet: Meine Zeit. Die Sanduhr des Lebens läuft bei jedem einzelnen von uns. Es ist deine Entscheidung, ob du sie langsam laufen lässt oder die Zeit einfach durchrasen lässt, ohne zu sehen wie schön das Leben sein kann. Ich genieße weiter meine Zeit Und zwar langsam und bewusst. Und egal was kommt, Zeit braucht jeder.

Dini