Alleine Wandern mit Parkinson

August 08, 2016
Ich habe lange, lange überlegt, wie ich die Sommerferien mit meinem Sohn (13, schwieriges Alter) verbringen soll und wir beide etwas davon haben. Mein Parkinson und ich brauchten dringend Erholung und Sohnemann brauchte dringend Herausforderungen und neue Impulse. Ich muss zugeben, mir fehlte die Energie, ihm das bieten zu können.

Anstatt also den Strandurlaub zu buchen, der uns beiden wegen Interessenkonflikten auf die Nerven gegangen wäre, habe ich überlegt, gemeinsam mit ihm ins Sauerland zu fahren, dort einen schönen Tag zusammen zu verbringen, um dann am Bahnhof getrennter Wege zu gehen. Das Kind sollte an einem Jugendcamp teilnehmen, wo er mit Gleichgesinnten sein konnte und ich wollte derweil durch das schöne Mittelgebirge wandern. So der Plan.

Wir hatten jede Menge Spaß auf der Zugreise und verbrachten einen entspannten Abend im Restaurant des Gasthauses, in dem ich eine Woche verbringen wollte. Abends fiel ich erschöpft von der Zugreise ins Bett.
Am nächsten Morgen trennten sich dann unsere Wege und ich unternahm bei schönstem Sonnenschein meine erste kurze Wanderung. Acht Kilometer durch den Berg mit herrlichem Mischwald und atemberaubender Fernsicht. Rundherum nur Stille. Ich war glücklich …. und so erschöpft, dass ich den halben Nachmittag geschlafen habe. Dafür lag ich dann die halbe Nacht wach, Mist! Mir war klar, dass ich am nächsten Tag wieder nur eine kurze Strecke schaffen könnte.

August 10. – Bergfest
Heute ist Halbzeit – oder passender gesagt: Bergfest – im Sauerland. Nach der fast schon euphorischen Einstiegswanderung, die erstaunlich kurz ausfiel, bin ich endgültig eingekracht und musste den zweiten Tag sehr viel ruhiger angehen lassen. Ausruhen, lesen, nachdenken, die Seele baumeln lassen und auf den Boden der Tatsachen kommen. Der Parkinson hat seinen Tribut gefordert, da musste ich ihm fairerweise Raum dafür geben.

Gestern habe ich ihn dann zusammen mit meinem Lunchpaket in die Tasche gesteckt und bin an einem herrlich sonnigen Tag losgezogen – auf den gegenüberliegenden Berg, in das Nachbartal, um den Berg herum und wieder zurück. Ich habe mich treiben lassen, ohne eindeutiges Ziel und wurde mit tollen Aussichten und interessanten Einsichten belohnt: Saftige Walderdbeeren auf Augenhöhe am Hang, zum Beispiel. Mitten im Wald stolperte ich über eine Gruppe aus Baumstämmen geschnitzte Tiere (Eichhörnchen, Hasen, Hühner) und direkt nebenan verschwand der Wanderweg auf Nimmerwiedersehen im Gebüsch. Wenn gerade kein Wald das Sonnenlicht versperrte, blühte alles, was nur blühen konnte und die Kühe waren dem Himmel sehr nahe.

Das war insgesamt ein sehr schöner Tag! Ein kurzer Blick aus dem Fenster sagt mir, dass uns heute das miese Wetter eingeholt hat. Ich bin aber nicht aus Zucker, werde mir die Regenjacke anziehen und in das nächste Dorf laufen, für Kaffee und Kuchen. Da gibt es kein Halten mehr!

August 14 – Heimweg
Das war eine tolle Wanderwoche! Das Wetter war, bis auf den letzten Tag, zum Laufen ausreichend stabil und ich habe noch eine Wanderfreundin gefunden, mit der ich mich abends ausgiebig über die Touren austauschen konnte.

Am Donnerstag ging es hoch hinaus durch die einsame Bergarbeitersiedlung Heinrichsdorf zum einzigen natürlichen Wasserfall NRWs. Der Wasserfall war eher mickrig, aber der Weg dorthin war ein Highlight der Woche!
Freitag wurde dann aus der Wanderung eher ein kurzer Spaziergang. Die Nässe kroch mir bis hoch in die Oberschenkel, während die Regentropfen an meiner Brille klebten und mir die Sicht nahmen. Der Weg war zum Teil einladend schön und führte über breite Schneisen durch den Berg. Manchmal war er dermaßen zugewachsen, dass gar kein durchkommen möglich war. Als noch kalter Wind aufkam, gab ich auf und kürzte den Weg ab.

***
Ach so, da war noch was… der Parkinson! Je mehr der Stress von mir abfiel, desto mehr gerieten die Symptome in den Hintergrund. Ich konnte ausreichend schlafen. Der Tremor reduzierte sich auf ein erträgliches Maß und die Kraft reichte wieder aus für jede Menge Abenteuer und sportliche Auf- und Abstiege.
Sohnemann kam mir gestern freudestrahlend am Bahnhof entgegen. Sein Jugendcamp war der volle Erfolg. Die Rückfahrt mit der Bahn nach Hause verlief reibungslos ohne Verspätungen.

Ein paar Fakten über die Wanderwoche:
Standort: Ramsbeck-Valme im Nordosten des Sauerlandes. Hier gibt es ein traditionelles Gasthaus und einen Campingplatz. Die Wandertouren starten alle direkt vor der Tür des Gasthauses und führen unterschiedlich lang (6 km – 20 km) und steil in die Runde wieder vor die Tür der Gaststätte.

Das Sauerland ist so etwas wie die Wiege der Wanderbewegung in Deutschland. Hier wurden die Jugendherbergen erfunden. Ein großes Wegenetz durchzieht die Region und die Infrastruktur rund um das Wandern, wie Unterkünfte und Transport, ist gut ausgebaut und funktioniert. Die großartige Landschaft lädt unbedingt zum Wandern ein. Nur das Wetter spielt manchmal nicht mit.
Ich verbrachte die Woche in einer der zahlreichen Wandergasthöfe des Sauerlands und erhielt ausreichend Kartenmaterial und jede Menge Tipps für die Touren. Zum Teil fehlten die Wegemarkierungen. Die Beschaffenheit der Wege war sehr abwechslungsreich – vom engen Pfad bis zu breiten Schotterwegen. Asphalt war fast gar nicht im Programm. Wanderschuhe und Trekking-Stöcke sind ratsam.

Wandern mit Parkinson

Da die Tageskondition für Leute mit Parkinson schwer vorauszusehen ist, macht es Sinn von einem “Basislager” aus Sternwanderungen zu machen oder sich vorhe zu erkundigen, ob ein öffentliches Verkehrsnetz in der Nähe der Wanderstrecke liegt, falls man zwischendurch schlapp macht. Viele Wanderregionen bieten auch Touren mit Gepäcktransport an – für Gruppen aber auch individuell Wandernde.

Ganz wichtig: Ausreichend Trinkwasser mitnehmen und es auch trinken!

May

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Von teamdopamin

Hallo, wir sind Christoph aus Dortmund und May aus Hamburg. Wir wollen über Morbus Parkinson informieren und aufzeigen, wie vielseitig die Erkrankung und der Umgang damit sein kann – aus der Sicht der Betroffenen selbst. Übrigens: Wir sind beide selbst an Parkinson erkrankt.

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